Am 7. Mai hat eine Mehrheit der Franzosen doch Vernunft und Aufklärung statt Chaos gewählt. Und tatsächlich scheint sich etwas Grundsätzliches in Frankreich zu verändern. Der neue Präsident will das rechte und linke Lagerdenken überwinden, das die politische Landschaft seit mehreren Jahrzehnten prägt, er will einen kulturpolitischen Wandel einleiten, und er will Europa neu gestalten. Die deutschen Verantwortlichen haben das auch erkannt und wollen Paris darin so weit wie möglich unterstützen. Selbst der spröde Finanzminister Wolfgang Schäuble verkündete anlässlich eines Treffens mit dem neuen französischen Wirtschaftsminister Le Maire am 22. Mai: "Deutschland vertraut Frankreich." 

Diese Worte haben auch deshalb so viel Gewicht, weil der Ton der Deutschen gegenüber Frankreich in den letzten Jahren oft herablassend war. Allerdings setzt sich diese Herablassung jetzt mitunter fort. Manche sind skeptisch wegen Macrons jungen Alters, aufgrund seiner Erfahrung als Bankier oder seiner Elite-Laufbahn. Andere verweisen auf die "Reformunfähigkeit" Frankreichs: "Die Gewerkschaften werden sowieso alles blockieren", hört oder liest man regelmäßig in deutschen Medien.

Vielleicht sollte man Macron eine Chance geben, und nicht alles nur durch die deutsche Brille betrachten. Der Vorwurf, das viele Mitglieder der neuen Regierung ehemalige Absolventen von Eliteschulen sind, ist zwar verständlich, aber er lenkt von weit wichtigeren Problemen ab. Das Vertrauen in die politischen Eliten ist vor allem wegen der zunehmenden Ungerechtigkeiten so erschüttert: der hohen Arbeitslosigkeit, einer dysfunktionalen Schule, die schon lange keine gleichen Chancen mehr garantiert, und einer politischen Elite, die zu oft ihre Vorbildfunktion vergaß.

Andererseits ist das Unbehagen vieler deutscher Beobachter gegenüber dem republikanischen, ja fast monarchischen Prunk mit Militärparaden, Machtinszenierungen und sehr großen Machtbefugnissen, die der Präsident laut Verfassung bekommt, durchaus verständlich. Doch ob man es mag oder nicht – die Sehnsucht nach einem homme providentiel, also einer Autorität, die durch einen Mann der Stunde verkörpert wird, ist in der französischen Gesellschaft sehr präsent. Viele Umfragen und Studien haben gezeigt, dass die Hälfte der Franzosen so einen starken Mann an der Macht sehen möchte. Macron weiß um diese Sehnsucht, er behauptete sogar, dass die Franzosen immer noch um ihren während der französischen Revolution geköpften König trauerten. Nicht zufällig verwies er während des Wahlkampfes auf den römischen Gott Jupiter, wenn er gefragt wurde, was für ein Präsident er sein möchte.

Bis jetzt hat Macron noch keine Fehler gemacht. Und ihm ist klar, dass er keine Gnadenfrist hat. Er muss eine Mehrheit bei den Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni erringen. Und nach der Bundestagswahl am 24. September wird er dann auch einen handlungsfähigen Partner in Deutschland haben. Erst danach werden wir die Effizienz und Kreativität des neuen deutsch-französischen Tandems bemessen können.