Die grausamen Foltermethoden führten in manchen Fällen zum Tod oder zu bleibenden körperlichen Schäden, wirkten sich aber auch stark auf die Psyche vieler Frauen aus. So lernte ich zwei ehemalige Gefangene kennen, die wie Wahnsinnige wirkten. Die Folter hatte bei ihnen zu hysterischen oder epilepsieartigen Anfällen geführt. Nach der Haftentlassung kamen dann neben dem gestörten inneren Gleichgewicht weitere Probleme dazu: Oft konnten sich die Frauen nicht wieder in die Gesellschaft oder ihr Berufsleben eingliedern. Dass es an spezialisierten Therapieeinrichtungen und geeigneten Rehabilitationsmaßnahmen für langjährig Inhaftierte fehlte, verschärfte die Situation.

Die Islamistinnen traf ein besonders hartes Los. Die islamistischen Organisationen rekrutierten damals noch gar keine Frauen, die meisten von ihnen waren also als Faustpfand für ihre Ehemänner oder Söhne im Gefängnis gelandet. Die Vergewaltigungen fanden meist vor den Augen der Ehemänner oder Söhne statt und führten zu psychischen Krisen, die oft im totalen Zusammenbruch der Inhaftierten endeten. Das Regime wusste ganz genau, wie es auf der Klaviatur der gesellschaftlichen Traditionen zu spielen hatte. Es war sich sehr wohl bewusst, dass nichts einen religiös-konservativ geprägten Häftling so sehr brechen konnte wie der Angriff auf seine Ehre, indem man die Frauen seiner Familie schändete.

Die Zahl der Kinder, die im Gefängnis geboren wurden und dort bei ihren Müttern aufwuchsen, war beträchtlich. Viele der politischen Gefangenen teilten sich mit Prostituierten, die in Syrien als Verbrecherinnen gelten, sowie mit Mörderinnen und Diebinnen die Zelle. Viele Kinder aber mussten fern von ihren Müttern (und meist auch von ihren Vätern) aufwachsen. Bei meinen Begegnungen mit den Kindern von weiblichen politischen Gefangenen drehte sich das Gespräch um eine zentrale, allen gemeinsame Erfahrung – und zwar nicht etwa um die Abwesenheit der Mutter, wie man vermuten könnte, sondern um die Besuche, die man den Kindern von Zeit zu Zeit gestattete. Man kann sich ausmalen, mit welchen Erinnerungen Kinder aufwachsen, die ihre Mütter jahrelang nur bei gelegentlichen Gefängnisbesuchen durch Gitter hindurch zu Gesicht bekommen.

Heute ist das Regime noch grausamer

Dass man den Gefangenen elementare Menschenrechte vorenthielt, war die machtvollste Waffe des syrischen Regimes. Die inhaftierten Frauen hingegen setzten vor allem ihre Fantasie als Waffe ein. Nur so konnten sie die Wände ihrer verschimmelten, feuchten, dunklen Zellen überwinden. Dazu kamen die Lieder. Ich habe keine einzige ehemalige Gefangene getroffen, die nicht von den Liedern gesprochen hat, und alle erzählten sie, dass ihre Gesänge tief aus dem Inneren ihres Menschseins kamen. Sie kämpften also mit der Schönheit von Kunst und Musik gegen das Hässliche an. Und mit der Hoffnung.

Dann kam das Jahr 2011 und änderte Syriens Antlitz von Grund auf. Alles, was zuvor in den Verliesen versteckt vor sich ging, trat in seiner ganzen Widerwärtigkeit für alle sichtbar zu Tage.

Aktuell, sechs Jahre später, liegt die Zahl der getöteten Frauen bei 22.823. Dafür verantwortlich sind verschiedene Akteure: syrische Regierungstruppen und russische Truppen, der "Islamische Staat", die früher unter dem Namen Al-Nusra-Front bekannte Front zur Eroberung der Levante, kurdische Truppen, Kampfeinheiten der Opposition und der internationalen Gemeinschaft. Zugleich ist die Zahl der als politische Gefangene festgehaltenen Frauen bis heute auf insgesamt 40.000 gestiegen.

Die Methoden des syrischen Regimes haben sich nicht geändert, sie sind nur noch grausamer und entsetzlicher geworden. Was vorher auf einen bestimmten Teil der Gesellschaft beschränkt war, hat sich nun auf die meisten oppositionellen Gruppen ausgeweitet. Laut dem im November 2016 erschienenen Jahresbericht des Syrian Network for Human Rights (SNHR) hält das Regime aktuell mindestens 8.413 Frauen in seiner Gewalt, darunter 312 Kinder. In 2.418 Fällen ist von "Verschwindenlassen" die Rede. Etwa 40 Frauen sind unter Folter gestorben. Unter den Todesfällen waren auch zahlreiche Schwangere, die aufgrund der völlig inadäquaten hygienischen Bedingungen im Gefängnis die Geburt nicht überlebt haben. Jede zwanzigste Frau wurde infolge der schlechten Haftbedingungen chronisch krank.