Im Zuge des immer länger andauernden Konflikts und der Verwandlung der Revolution in einen Bürgerkrieg wurden Frauen auch in den Gefängnissen der bewaffneten Opposition inhaftiert. Dem genannten Bericht zufolge waren es 798, darunter 391 Kinder. Der "Islamische Staat" nahm 714 Frauen fest, darunter finden sich 205 Fälle des "Verschwindenlassens" und 13 Fälle, in denen die Frauen unter der Folter gestorben sind. Zudem führt der Bericht 2.143 Fälle auf, in denen Frauen von unbekannter Seite entführt wurden oder man sie "verschwinden ließ", darunter 419 Kinder. Die kurdische Miliz der Volksverteidigungseinheiten hat dem Bericht zufolge 1.819 Frauen festgenommen, darunter 208 Kinder. Gesicherte Zahlen sind nach wie vor äußerst schwierig zu ermitteln, denn unabhängigen Beobachtern wird weder zu den Gefängnissen des Regimes noch zu denen der Opposition Zugang gewährt. Das vorhandene Datenmaterial ist ausschließlich den unermüdlichen Bemühungen einiger Menschenrechtsorganisationen zu verdanken.

Viele der gegenwärtigen Insassinnen in den Gefängnissen des Regimes sind nie durch revolutionäre oder oppositionelle Aktivitäten in Erscheinung getreten. Zum Teil handelt es sich um alte Frauen oder Kinder, die man als Geiseln genommen hat. Nach Ausbruch der syrischen Revolution wurde die Inhaftierung von Frauen – zusätzlich zu der erhofften zersetzenden Wirkung auf die gesellschaftlichen und familiären Strukturen – zu einem bevorzugten Mittel des Regimes, um eigene Anhänger aus den Gefängnissen der bewaffneten Opposition freizupressen. Frauen aus den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten, die sich gar nicht revolutionär engagiert hatten, werden in großer Zahl verhaftet, nur um dann im Rahmen von Austausch-Deals zwischen dem Regime und der Opposition zum Einsatz zu kommen. Außerdem werden verhaftete Frauen als Druckmittel gegen ihre Familienmitglieder eingesetzt.

Beide Seiten, Regime und Opposition, benutzen Frauen als Verhandlungsmasse beim Austausch von Geiseln und beide Seiten entführen systematisch Frauen. Zu den vielleicht bekanntesten entführten Aktivistinnen zählen Razan Zaitouneh und Samira al-Khalil. Man vermutet, dass diese beiden Vertreterinnen der laizistisch-demokratischen Opposition von der radikal-islamistischen Gruppierung Dschaisch al-Islam in einem Vorort von Damaskus entführt wurden.

Psychische Folter nach der Entlassung

Zahlreiche Augenzeugenberichte haben immer wieder die systematische Anwendung bestimmter Foltermethoden in den Gefängnissen des Regimes dokumentiert: Schläge, Vergewaltigungen, das bewusste Beschallen mit den Schreien anderer Gefolterter, das Ausstellen nackter Leichen auf den Korridoren der Staatssicherheit. Inwiefern Frauen auch in den Gefängnissen der Opposition systematischer Folter ausgesetzt sind, wurde bisher nicht dokumentiert. Mehrere syrische, arabische und internationale Menschenrechtsorganisationen haben Berichte zu diesem Themenkomplex erarbeitet, darunter Human Rights Watch und Amnesty International

Am gravierendsten ist jedoch, dass gegenwärtig ein Großteil der Kinder politischer Gefangener von ihren Müttern getrennt und in Waisenhäuser gesteckt wird. Ohne Kontakt zu ihren Angehörigen. Die schwangere Aktivistin Rasha Sharbaji wurde beispielsweise zusammen mit ihren drei Kindern verhaftet. Zahlreiche der vom Regime gefangen gehaltenen Frauen, die meisten davon gewaltlose Aktivistinnen, wurden vor das Anti-Terror-Gericht gestellt. So etwa Lana Maradni, die Tochter zweier linksgerichteter ehemaliger Gefangener, und die Schauspielerin Samar Kokash.

Die aktuelle Zahl weiblicher politischer Gefangener in Syrien liegt zwar weit unter der Zahl der männlichen Gefangenen. Doch für die Frauen enden die Qualen nicht mit der Entlassung aus der Haft, sie müssen nachher mit sozialer Ächtung und Zurückweisung leben. Diejenigen, die nicht im Gefängnis gestorben sind, geben nichts oder nur wenig über die Vergewaltigungen preis, die ihnen widerfuhren. Dadurch werden die psychischen Folgen der Haft noch schlimmer, insbesondere dann, wenn die Vergewaltigung vor den Augen der Ehemänner oder Söhne stattgefunden hat.

Eine ehemalige politische Gefangene des Regimes formuliert es so: "Unsere Gesellschaft ist mit der Vorstellung einer inhaftierten Frau überfordert. Nach meiner Haftentlassung hat sich mein Mann von mir scheiden lassen. Ich wurde von der Gesellschaft geächtet. Aus den Blicken der Leute las ich heraus, dass ich für sie erledigt war. Ich fühlte mich durch jeden der mal mitleidigen mal beleidigenden Blicke, die mir die Leute zuwarfen, vergewaltigt."

So stehen die weiblichen politischen Gefangenen für mich sinnbildlich für das heutige Syrien: Die Frauen erwarten – mit psychischen und physischen Verletzungen übersät, ausgelaugt und gebrochen – nichts sehnlicher als das Licht am Ende des Tunnels.

Aus dem Arabischen übersetzt von Rafael Sanchez