In einigen anderen europäischen Ländern aber gelingt Inklusion. Auch an vereinzelten Orten in Deutschland: in Familien, in Kindergärten und Schulen. In Wohngruppen und manchen Betrieben. Immer dann, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht seine körperlichen und kognitiven Merkmale; wenn bereits vorhandene Ressourcen genutzt werden und sich beispielsweise Förderschulen auch für Regelschulkinder öffnen; wenn sich Lehrkräfte, Eltern und Mitmenschen über alle Maßen engagieren; wenn nicht ausschließlich Leistungen zählen, sondern zusätzlich zu Lehrinhalten auch Werte vermittelt werden.

Inklusion ist ein Menschenrecht. Deswegen haben wir keine Alternative. Wir können nicht so lange warten, bis sich ein ideales Bildungssystem etabliert hat – das wird es nie geben. Inklusion ist eine Haltung. Und gerade diese Einstellung ist das Fundament für einen transformativen Prozess. Das müssen wir begreifen. Und wir brauchen Mut zum Scheitern, Selbstüberwindung und Offenheit. Vor allem auch Opferbereitschaft. Wir müssen umdenken, Stagnationen umschiffen und immer wieder aufstehen, wenn wir umfallen.

Der Schrei nach mehr Geld, nach viel mehr Geld und nach viel mehr fachlich versierten Lehrkräften ist absolut notwendig. Das ist eine Großbaustelle!

Plötzlich Rückenprobleme

Auch ich muss mich noch viel mehr bewegen, trotz bereits langanhaltender Atemlosigkeit. Indem ich meine Tochter eine Förderschule besuchen lasse, habe ich wieder ein wenig Zeit zum Luftholen gefunden. In der Förderschule wird sie gemocht, gefördert und geschätzt. In einem geschützten Raum lernt sie alltagstaugliche Dinge. Das ist viel wert. Meine Tochter hatte bisher immer tolle Lehrerinnen. Ihnen verdanken wir, dass Lottes kognitive Fähigkeiten ans Licht gekommen sind. Vielleicht würde ich sonst immer noch im Dunkeln tappen. Wer weiß das schon. Trotzdem habe ich das Gefühl, mich in dieser Sondernische vom täglichen Kampf um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, um  Gleichberechtigung und um Anerkennung auszuruhen. Ich finde das legitim und auch wieder nicht. Denn hier lauert die Resignation. Einerseits wird meine Tochter in der Förderschule nicht ausreichend auf das wahre Leben vorbereitet, andererseits mangelt es der Gesellschaft dadurch an Erfahrbarkeit von Vielfalt. Kein Wunder, dass die meisten Menschen Rückenprobleme und Berührungsängste haben, wenn ich mit Lotte in U-Bahn-Schächten zurückbleibe, weil der Fahrstuhl defekt ist und die Stufen für mich und Lotte alleine nicht zu bewältigen sind.

Eine körperliche oder mentale Einschränkung wird erst durch bauliche, soziale oder kulturelle Barrieren zu einer Behinderung. Diese Mauern müssen wir täglich einreißen. Ich. Du. Und die Politik.

"Wer Inklusion will, findet Wege, wer sie verhindern will, sucht Begründungen." Dieses Zitat stammt von Hubert Hüppe, dem ehemaligen Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.