Jeden Tag die rote Linie überschreiten – Seite 1

Am Samstag wurde in der Türkei erst Wikipedia gesperrt, dann verbot die AKP-Regierung Kuppelshows in Radio und Fernsehen. Die Satireseite Zaytung war begeistert: Das zeitgleiche Verbot zeige doch nur, dass die AKP alle Gesellschaftsschichten gleich behandle.

Hakan Bilginer, der Chefredakteur von Zaytung, muss nie lange nach Geschichten suchen. Sein Lieblingsmotiv ist allgegenwärtig und bietet täglich neue Superlative. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan spricht im Dauermodus permanent auf allen Fernsehkanälen, die regierungskritischen Sender hat er ohnehin schon ausgeschaltet. "Erdoğan gibt uns viel zu Lachen", sagt Bilginer, "er ist ein Weltprovokateur." Der 38-Jährige sitzt in einem Café im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, frühstückt am Nachmittag und raucht dabei sehr viel.

Als Satirejournalist seien schlechte Nachrichten einfacher zu karikieren als gute. Allerdings sei ihm angesichts der momentanen politischen Situation manchmal doch eher zum Weinen zumute, gesteht Bilginer. "Aber der Humor hilft, mit diesem Chaos umzugehen." 

Das Wort "Nein" war zu gefährlich

Mitte Februar etwa wurden laut türkischen Medienberichten in Teilen des Landes Hunderttausende Antiraucherbroschüren des Gesundheitsamts zum Thema Nikotinentwöhnung wieder entfernt. Denn darauf stand: Wer "Nein" sagt, mache alles richtig. Kurz vor dem Referendum in der Türkei wollte die AKP-Regierung diese Botschaft offenbar lieber nicht verbreiten. Zaytung freute sich über das Tilgen des Wortes "Nein" aus der Öffentlichkeit und witzelte, dass Rauchen bis zum Referendum keinerlei Gesundheitsschäden mit sich bringe – das Gesundheitsministerium habe es ja versprochen.

Nach dem Referendum veröffentlichte das Medium einen Text darüber, dass Dutzende AKP-Bürgermeister in eine Depression gefallen seien. Sie hätten sich für einen Sieg ihres großen Meisters aufgeopfert, und der habe sich nach dem "Ja" nun in seinen Palast zurückgezogen. Die Bürgermeister, schrieb Zaytung, forderten deswegen nun eine Neuwahl: Damit sie Erdoğan endlich wieder nahekommen könnten.  

Die heutige Reichweite – unvorstellbar

Solche Texte seien natürlich Gratwanderungen, weil sie die Mächtigen provozierten, sagt Bilginer. Doch genau deswegen hat sein Satiremedium mittlerweile rund 600.000 Facebook-Fans und 100.000 Webseitenaufrufe täglich. Es gibt Zaytung-Souvenirs und ein Café in Ankara, das den Namen des Onlinemediums trägt.

Der Chefredakteur des Satiremagazins "Zaytung", Hakan Bilginer © privat

Die mittlerweile vierköpfige Redaktion finanziert sich durch Werbung, es gibt kein Büro, gearbeitet wird von zu Hause, Hunderte Freie liefern Ideen, Texte und Karikaturen. Bilginer arbeitete noch im IT-Bereich, als er vor sieben Jahren die Idee zu dem Satireportal hatte. Damals fristeten sie eine mediale Nischenexistenz, heute ist seine Zaytung landesweit bekannt. Die aktuelle Reichweite habe sich Bilginer damals nie vorstellen können. Angefangen hat alles in einer Kneipe, Marketing war noch Fremdwort, man lebte von Mund-zu-Mund Propaganda, Spaß, und dem Ehrgeiz, einem pressefeindlichen System den Spiegel vorzuhalten.

Nicht an die Folgen denken

"Es gab eine Lücke, und die haben wir erfolgreich geschlossen", sagt der Chefredakteur. Tatsächlich gibt es in der Türkei eine lange Tradition klassischer Satiremagazine – online war Zaytung aber das erste reine Satiremedium, das sich vor allem mit Erdoğan und der AKP-Regierung beschäftigte.

"Erdoğan hat bei dem Referendum doch eigentlich verloren"

Schwierigkeiten mit der Regierung oder Beleidigungsklagen vom Staatspräsidenten hat es bisher noch nicht gegeben. "Aber es kann jeden Moment soweit sein", sagt Bilginer. Drohungen von Nationalisten und Regierungsanhängern erhielten sie hingegen täglich. "Wenn wir ständig an die Folgen unserer Arbeit denken würden, dann könnten wir nicht arbeiten."

Um die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei war es noch nie besonders gut bestellt. Doch noch nie war die Situation für kritische Medienschaffende so dramatisch wie im Moment. Aktuell sitzen fast 5.000 Menschen wegen ihrer Social-Media-Postings im Gefängnis. Vor rund zwei Wochen stürmte die Polizei laut Medienberichten die Wohnräume von 55 Personen und nahm sie wegen ihrer Twitter- und Facebook-Äußerungen fest.

Immer mehr Journalisten sehen sich zur Selbstzensur gezwungen. Als Erdoğan 2003 die Macht übernahm, befand sich die Türkei auf Platz 116 der Rangliste für Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen – in diesem Jahr ist das Land auf Platz 155 von 180 Staaten abgerutscht. Nach Angaben der unabhängigen Journalistenplattform P24 sind nach dem gescheiterten Putsch 168 Medien und Verlage durch Notstandsdekrete geschlossen worden, mehr als 150 Journalisten sitzen in Haft.

Doch der Präsident wird nicht müde zu wiederholen, die Türkei habe "die freieste Presse der Welt". "Das glaubt er tatsächlich", sagt Bilginer. "Erdoğan gibt uns Journalisten die Schuld, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft." Jeder Journalist, der regierungstreu berichte, sei aus Erdoğans Sicht ein glücklicher Mensch. "Alle anderen sind für ihn keine Journalisten", sagt Bilginer. Wie alle seine Kritiker nenne er sie "Terroristen", "Ratten" oder "Vaterlandsverräter".

Jetzt erst recht!

"Wir Journalisten in der Türkei haben keinen Schutz. Wir können jederzeit von AKP-Anhängern oder der Regierung angegriffen werden", sagt Bilginer. Von ihrer Arbeit abbringen lassen wollen sich die Macher von Zaytung nicht. "Jetzt erst recht!" lautet ihr Tenor: "Zynismus und Humor sind unsere Waffen gegen Angst und Unterdrückung."  

Er selbst habe keine Angst, sagt Bilginer, und er glaube auch nicht, dass die Zeit der Unterdrückung noch lange anhalten werde. "Erdoğan hat bei dem Referendum doch eigentlich verloren. Nur mit massiver Propaganda und Unterdrückung hat er die rund 51 Prozent geholt. Solch ein repressives System lässt sich nicht ewig aufrechterhalten."

Bilginer will weiter jeden Tag die rote Linie überschreiten: "Denn wir werden wieder bessere Zeiten hier erleben."