Ein anderes Amerika? Vor Trumps Ankunft am Gipfel der (Welt)Macht haben sich das viele gefragt – und danach ist man keinen Deut klüger. Trump bleibt ein vielsilbiges Rätsel, aus seinem Rede- und Twitter-Fluss schlau zu werden, fällt selbst Insidern schwer. Vieles geht durcheinander, alles Mögliche zeichnet sich ab, und manche Urteile sind, kaum geäußert, schon wieder überholt. Dass unter solchen Umständen die Geschichte befragt wird, verwundert nicht. Aber welche?

Die Sichtweisen liegen weit auseinander. Lange mochte es so scheinen, als setzte hier ein Egomane und Showmaster, im Einklang mit der zeitgenössischen Erosion des Politischen, aufs populistische Spektakel: "Präsident Trump will eine Show veranstalten. Das Regieren ist ihm nicht so wichtig" (Washington Post). Die Arbeit an sich als Marke (Trump-Kappe) und Messias (Trump-Boeing) hat aus ihm eine Ikone, aus dem Amt ein Anhängsel gemacht.

Bezeichnend war der kindische Streit darüber, wie viele Zuschauer dem Inaugurationsschauspiel beigewohnt haben. Trump "nutzte den ersten vollen Tag im Amt dazu, eine bemerkenswert scharfe Attacke auf die Nachrichtenmedien zu lancieren". Der Vorwurf: Sie hätten die Zuschauerzahl kleingeredet. Als ob Glanz von Größe käme, bestand er darauf, "sein" Publikum sei "das größte gewesen, das je einer Amtseinführung beigewohnt habe". Das war eine maßlose Übertreibung und zugleich die schwere Geburt des "alternativen Faktums". Alles in allem: anscheinend ein Präsident, dessen Welt sich ausschließlich um ihn selber dreht.

100 Tage Trump - Was hat Donald Trump wirklich verändert? US-Präsident Donald Trump ist seit 100 Tagen im Amt. Viele seiner politischen Vorhaben hat er angefangen, aber nicht zu Ende bringen können. Rieke Havertz, Chefin vom Dienst bei ZEIT ONLINE, zieht Bilanz. © Foto: ZEIT ONLINE

Andere wollen sich mit dieser Sicht der Dinge nicht (mehr) abfinden und warnen vor einem verheerenden Potential: "Trumps aufkommender Faschismus bedroht die Nation" (Huffington Post). So ernst nimmt ein Kenner den Fall, dass er seine Landsleute auffordert, Lehren aus der Geschichte zu ziehen: "Die Amerikaner sind kein bisschen klüger als jene Europäer, die zusahen, wie die Demokratie gegen Faschismus, Nazismus oder Kommunismus den Kürzeren zog. Dass wir aus dieser Erfahrung lernen können, ist unser einziger Vorteil. Jetzt ist die Zeit dafür gekommen" (Timothy Snyder). Parallelen drängen sich tatsächlich auf: Führer- und Massenkult, ein latenter oder offener Rassismus, die tiefsitzende Verachtung für den unbeweglichen Rechts- und Verwaltungsstaat, Attacken auf die bürgerliche Presse, plutokratische Geburtshelfer im Glauben, den politischen Parvenü steuern zu können, eine blindwütige Kerntruppe. Doch vieles spricht auch dagegen, dass die Phänomene zum System werden – so wenig, könnte man resümieren, wie das Land dem Sozialismus anheimgefallen ist (Werner Sombarts Diagnose), so wenig lässt es sich den Faschismus überstülpen.

 

Gute Gründe gibt es also für beide Sichtweisen; daher neutralisieren sie sich. Was die Frage nach einem dritten Blick aufwirft, der den Indizienbestand aus seinem Winkel ordnet. Vielleicht: Trump als Möchtegern-König, "the man who would be king" (Economist), dem es gefällt, nach alter Monarchen Sitte Land und Leute nach Lust und Laune zu regieren? Diese Assoziation findet sich in manchem Kommentar, erreicht neuerdings sogar Bühnenreife (Elfriede Jelinek) und belebt insbesondere den Markt der Karikaturen.

Amt und Ambiente

Dass es so leichtfällt, "King Trump" zu karikieren, ist schnell erklärt: Wer den König nur gibt, macht sich lächerlich. Pose und Pomp – mehr kommt da nicht zusammen: royale Gesten in einem Ambiente, das Versailles mit Vulgarität versöhnt, glänzendes Gold, schwerer Brokat, Louis-Soundsoviel-Stühle, alles neureich auf alt getrimmt. Was fehlt, lässt sich auch nicht inszenieren: die Würde. Diese Lücke können weder Stylisten noch Designer, weder Couturiers noch Coiffeure schließen.

Dieser Artikel stammt aus der Juni-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Denn Würde ist keine Sache des Ambientes, sie kommt, historisch gesehen, mit dem Amt. Genauer: mit ganz bestimmten Ämtern, solchen nämlich, die (direkt oder indirekt) einen göttlichen Auftrag reklamieren konnten. Unter den weltlichen Herren kam dafür nur einer in Frage: der Herrscher von Gottes Gnaden. Deshalb durfte sich etwa Jakob I., Englands König von 1603 bis 1625, wie selbstverständlich als "little God" bezeichnen. Dass dieses Privileg ausgerechnet ihn treffen würde, war dynastische Routine. Er bedurfte keines Qualifikationsnachweises. Die königliche Würde hatte mit persönlichem Betragen nichts zu tun; vielmehr galt: "The king can do no wrong", egal was er im Dienst anstellt; die privaten Launen oder Laster gingen sowieso niemanden etwas an.

Michel Foucault hat bei Gelegenheit darauf hingewiesen, dass moderne Staatsoberhäupter den königlichen Heiligenschein geerbt haben, allerdings etwas "abgespeckt". Bei Trump spürt man davon jedoch wenig, nicht zuletzt deshalb, weil seine Amtsführung darauf wenig Rücksicht nimmt. Schon während des Wahlkampfs ist Trumps burschikoser Umgang mit der Aura aufgefallen. Damals haben ihn viele dafür kritisiert, dass er alles tut, um den Ast abzusägen, auf dem er einmal sitzen will: "Nicht nur in Washington befürchten Republikaner wie Demokraten, dass die Nachwehen der Wahl eine eitrige Entzündung der ohnehin tiefen und bleibenden Wunden des Wahlkampfs bewirken werden".