Oft wache ich morgens auf und frage mich, was ich heute kaufen könnte. Brauche ich nicht eine neue alte Armbanduhr? Einen Bilderrahmen für ein Foto, das ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe? Ein Buch?

Es ist so leicht, ich muss das Haus nicht verlassen, ich muss nicht einmal aufstehen, ich muss nur nach meinem Telefon, dem iPad oder dem Computer greifen, meine Kaufhäuser liegen heute in der Wohnung herum. Und es gibt fast alles. Alles.

Was könnte ich bestellen? Eine neue Parmesanreibe, weil ich mich über die mit der Kurbel immer ärgere? Schleifpapier? Wollte ich nicht ein Stück Baumstamm, das ich neulich aus dem Wald mitgenommen habe (war das Diebstahl?) auf einer Seite glätten? Oder vielleicht mal wieder einen neuen Füller? An einen neuen Füllfederhalter denke ich, weil ich kürzlich einen meiner circa 22 Füller verloren habe, er muss mir, es war ein Pelikan, in Paris auf dem Boulevard Montparnasse aus der Hosentasche gefallen sein. Das kommt davon, wenn man nicht zuhause in Berlin bleiben kann.

Der Schriftsteller David Wagner, geboren 1971, ließ seinen Roman "Vier Äpfel" 2009 in einem Supermarkt spielen. Zuletzt ist der Erzählband "Ein Zimmer im Hotel" von ihm erschienen. © Susanne Schleyer

An dem Morgen, nachdem ich den Hosentaschenfüller verloren hatte – das passiert mir alle paar Jahre und deprimiert mich sehr – beschloss ich, noch im Bett, mir Kühlschrankmagneten zu kaufen. Um mich zu trösten. Und zwar nicht im Internet, sondern, ich war noch in Paris, im Louvre. Ich ging an der Seine entlang, durch die Tuilerien und stieg die Rue de Rivoli hinab in die Unterwelt des Carrousel du Louvre. Ich musste durch eine Sicherheitskontrolle und befand mich im meistbesuchten Einkaufszentrum Frankreichs. Oder doch in einem Flughafen? Es sah genauso aus.

Nach einer weiteren Sicherheitskontrolle (war ich nun eingecheckt?) fand ich Kühlschrankmagneten, die Reproduktionen von Gemälden zeigten, in zwei der vier oder fünf Museumshops. Ich war glücklich. Ich kaufte die Dienstmagd mit Milchkrug von Vermeer (das Original, sonst in Amsterdam, war gerade in einer Sonderausstellung zu sehen), das Porträt von Gabrielle d'Estrées (es zeigt, wie eine ihrer Schwestern ihr in die Brustwarze zwickt) und die Große Odaliske von Ingres. Anschließend ließ ich mich von einer Rolltreppe wieder hinauf ans Tageslicht fahren, das durch die bekannte Glaspyramide in den Eingangsbereich fiel. In die Sammlung oder die Sonderausstellung zu gehen, hatte ich keine Lust, die Schlange war viel zu lang, es hätte eine dritte und vierte Sicherheitskontrolle gegeben, außerdem hätte ich mich für die Sonderausstellung voranmelden müssen. Und draußen schien die Sonne. Konsumerfüllt, ja konsumbeseelt, ich hatte so schöne Kühlschrankmagneten für meine Kühlschrankmagnetensammlung erworben, spazierte ich durch die Passage de Choiseul, die Passage des Panoramas und die Passage Jouffroy, durch die Internet-Kaufhäuser des 19. Jahrhunderts also. Was würde Walter Benjamin zu dieser These sagen?

Kaufen, um weniger zu besitzen

Zwei Tage zuvor schlich ich in einer Buchhandlung auf dem Boulevard Saint-Germain (L’écume des pages, gleich neben dem Café de Flore) um die neue, gerade erschienene zweibändige Pléiade-Ausgabe der Werke von Georges Perec herum. Es war der Tag der Erstauslieferung, die Prunkausgabe im weißen Kartonschuber lag auf Stapel, und ich dachte nur "Habenwollen", wie Wolfgang Ullrich es in seinem gleichnamigen Buch so schön formuliert hat. Es ist zwar nicht so, dass ich nicht schon sieben oder acht Bücher von Perec zu Hause stehen hätte, teils im französischen Original, teils in der guten deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé. Die neue Pléiade-Ausgabe würde es mir jedoch, so dachte ich, Konsumlogik, ermöglichen, diese loszuwerden, ja zu verschenken, durch den Kauf der Gesamtausgabe würde ich nachher also weniger besitzen...

Eine halbe Stunde später saß ich auf einem der hellgrün lackierten Stühle im Jardin du Luxembourg, hielt Band 1 in den Händen und freute mich wahnsinnig über dieses schöne Objekt. Ich war nicht gierig gewesen, ich hatte mir erstmal nur den ersten Band gekauft, nicht gleich beide – was ich nun, da ich diesen Satz schreibe, nicht wenig bereue, nun habe ich große Lust, den zweiten Band sofort zu bestellen, nur ein, zwei Klicks und er wäre unterwegs. Allerdings wäre das wohl ein unvergleichlich weniger romantisches Einkaufserlebnis, der ortlose Internet-Einkauf kann kaum mit einem sonnigen Tag im Mai auf dem Boulevard Saint-Germain konkurrieren.