Das Glück zu kaufen – Seite 1

Oft wache ich morgens auf und frage mich, was ich heute kaufen könnte. Brauche ich nicht eine neue alte Armbanduhr? Einen Bilderrahmen für ein Foto, das ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe? Ein Buch?

Es ist so leicht, ich muss das Haus nicht verlassen, ich muss nicht einmal aufstehen, ich muss nur nach meinem Telefon, dem iPad oder dem Computer greifen, meine Kaufhäuser liegen heute in der Wohnung herum. Und es gibt fast alles. Alles.

Was könnte ich bestellen? Eine neue Parmesanreibe, weil ich mich über die mit der Kurbel immer ärgere? Schleifpapier? Wollte ich nicht ein Stück Baumstamm, das ich neulich aus dem Wald mitgenommen habe (war das Diebstahl?) auf einer Seite glätten? Oder vielleicht mal wieder einen neuen Füller? An einen neuen Füllfederhalter denke ich, weil ich kürzlich einen meiner circa 22 Füller verloren habe, er muss mir, es war ein Pelikan, in Paris auf dem Boulevard Montparnasse aus der Hosentasche gefallen sein. Das kommt davon, wenn man nicht zuhause in Berlin bleiben kann.

An dem Morgen, nachdem ich den Hosentaschenfüller verloren hatte – das passiert mir alle paar Jahre und deprimiert mich sehr – beschloss ich, noch im Bett, mir Kühlschrankmagneten zu kaufen. Um mich zu trösten. Und zwar nicht im Internet, sondern, ich war noch in Paris, im Louvre. Ich ging an der Seine entlang, durch die Tuilerien und stieg die Rue de Rivoli hinab in die Unterwelt des Carrousel du Louvre. Ich musste durch eine Sicherheitskontrolle und befand mich im meistbesuchten Einkaufszentrum Frankreichs. Oder doch in einem Flughafen? Es sah genauso aus.

Nach einer weiteren Sicherheitskontrolle (war ich nun eingecheckt?) fand ich Kühlschrankmagneten, die Reproduktionen von Gemälden zeigten, in zwei der vier oder fünf Museumshops. Ich war glücklich. Ich kaufte die Dienstmagd mit Milchkrug von Vermeer (das Original, sonst in Amsterdam, war gerade in einer Sonderausstellung zu sehen), das Porträt von Gabrielle d'Estrées (es zeigt, wie eine ihrer Schwestern ihr in die Brustwarze zwickt) und die Große Odaliske von Ingres. Anschließend ließ ich mich von einer Rolltreppe wieder hinauf ans Tageslicht fahren, das durch die bekannte Glaspyramide in den Eingangsbereich fiel. In die Sammlung oder die Sonderausstellung zu gehen, hatte ich keine Lust, die Schlange war viel zu lang, es hätte eine dritte und vierte Sicherheitskontrolle gegeben, außerdem hätte ich mich für die Sonderausstellung voranmelden müssen. Und draußen schien die Sonne. Konsumerfüllt, ja konsumbeseelt, ich hatte so schöne Kühlschrankmagneten für meine Kühlschrankmagnetensammlung erworben, spazierte ich durch die Passage de Choiseul, die Passage des Panoramas und die Passage Jouffroy, durch die Internet-Kaufhäuser des 19. Jahrhunderts also. Was würde Walter Benjamin zu dieser These sagen?

Kaufen, um weniger zu besitzen

Zwei Tage zuvor schlich ich in einer Buchhandlung auf dem Boulevard Saint-Germain (L’écume des pages, gleich neben dem Café de Flore) um die neue, gerade erschienene zweibändige Pléiade-Ausgabe der Werke von Georges Perec herum. Es war der Tag der Erstauslieferung, die Prunkausgabe im weißen Kartonschuber lag auf Stapel, und ich dachte nur "Habenwollen", wie Wolfgang Ullrich es in seinem gleichnamigen Buch so schön formuliert hat. Es ist zwar nicht so, dass ich nicht schon sieben oder acht Bücher von Perec zu Hause stehen hätte, teils im französischen Original, teils in der guten deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé. Die neue Pléiade-Ausgabe würde es mir jedoch, so dachte ich, Konsumlogik, ermöglichen, diese loszuwerden, ja zu verschenken, durch den Kauf der Gesamtausgabe würde ich nachher also weniger besitzen...

Eine halbe Stunde später saß ich auf einem der hellgrün lackierten Stühle im Jardin du Luxembourg, hielt Band 1 in den Händen und freute mich wahnsinnig über dieses schöne Objekt. Ich war nicht gierig gewesen, ich hatte mir erstmal nur den ersten Band gekauft, nicht gleich beide – was ich nun, da ich diesen Satz schreibe, nicht wenig bereue, nun habe ich große Lust, den zweiten Band sofort zu bestellen, nur ein, zwei Klicks und er wäre unterwegs. Allerdings wäre das wohl ein unvergleichlich weniger romantisches Einkaufserlebnis, der ortlose Internet-Einkauf kann kaum mit einem sonnigen Tag im Mai auf dem Boulevard Saint-Germain konkurrieren.

Verliebt in mein Konsumerlebnis

Mit meinem Telefon fotografierte ich den Band in meiner Hand, grüner Rasen und blühender Flieder im Hintergrund, ich war verliebt in dieses Buch und verliebt in mein Konsumerlebnis. Einen Augenblick lang verspürte ich die Versuchung, diese meine conspicuous consumption zu teilen und das Foto zu posten – verzichtete dann jedoch darauf. Stattdessen zog ich das ledergebundene Buch (keine Lektüre für Veganer) aus seinem Schuber, blätterte hinein und entdeckte in ihm nicht nur den berühmte Roman ohne E (La Disparition), sondern auch den großartigen, auf seine Art gemeinen und entlarvenden kurzen Roman Les Choses. Une histoire des années soixante, auf deutsch Die Dinge. Perec beschreibt darin, wie ein junges Mittelklassenpaar im Paris der sechziger Jahre versucht, sich ein glückliches Leben zusammenzukaufen. Was natürlich nicht funktioniert, so viele Dinge sie auch anhäufen in ihrer kleinen Wohnung. Und trotzdem konsumieren sie munter weiter, hedonistisch, materialistisch, zunehmend verzweifelt.

Heute, der Gedanke kommt mir gerade, ist es oft leichter, mit den Dingen anzugeben, die man nicht mehr besitzt oder aus Prinzip nie besessen hat. Keinen Fernseher zu haben gehört zum guten Ton, manche Menschen verkaufen ihre Bibliothek, echte Snobs besitzen kein Smartphone. Es ist auch besser, kein Auto zu besitzen, denn Autos gelten in gewissen Kreisen als böse. "Und wenn wir doch eines brauchen, mieten wir halt, und Carsharing gibt es ja auch noch", heißt es dann. Vielleicht ist es, in Berlin zumindest, auch schon so weit, dass damit angegeben werden kann, eben keine Eigentumswohnung zu besitzen, denn eine Eigentumswohnung zu besitzen bedeutet in vier von fünf Fällen doch, sie von Papa, Mama, Oma oder Opa finanziert bekommen zu haben. Was einem ruhig ein bisschen peinlich sein darf. Zur Besinnung lausche man, kleiner Konsumtipp, Christiane Rösingers Lied Eigentumswohnung von ihrem jüngsten Album Lieder ohne Leiden. Und singe laut mit.

Wie gern ich nun zur Seife greife

Es gibt Tage, an denen wache ich auf und überlege nicht, was ich kaufen, sondern was ich wegwerfen könnte. Manchmal wäre ich gern alle Dinge los, ich male mir aus, wie befreit ich dann wäre. Kaum etwas zu besitzen ist vielleicht das neue Schlanksein, in spärlich möblierten Zimmern fast leerer Wohnungen zu leben, ohne beschwerende Bücher, ohne Krempel – ist das nicht ein Klischee von Luxus? Theoretisch bin ich ja auch Asket – kaufe dann aber doch immer wieder Dinge. Viele Dinge. Ein neues Druckerkabel, nur weil das alte unansehnlich schmutzig geworden ist. Briefkuverts und Briefpapier, mehr als ich in diesem Leben noch werde verbrauchen können. Eine neue Haushaltsschere. Weingläser, Kühlschrankmagneten. Wie viele Dinge gibt es in unserer Wohnung? Wie viele Gegenstände besitzen wir? Und müsste ich jedes Blatt Papier einzeln zählen?

Was habe ich noch in Paris gekauft? Zum Trost, oder einfach nur, um mich später daran zu erinnern, dass ich mal wieder dort war? Im Schaufenster eines chinesischen Kramladens tief im 13. Arrondissement, kurz vor der Porte de Choisy, sah ich japanisches Geschirr – Teller und Schüsseln mit einem strahlenförmig angeordneten Strichmuster, es gefiel mir sehr. Ich kaufte, neuerdings habe ich eine Schwäche für Porzellan, zwei Teller – und verschenkte sie beide, den einen gleich in Paris, den anderen, als ich zurück in Berlin war. Irgendwann, noch gar nicht so lange her, habe ich herausgefunden, dass meist die Dinge als Geschenk am besten ankommen, die ich selbst behalten möchte.

Ich wundere mich ein bisschen: Obwohl ich natürlich längst weiß, dass ich mir kein neues Leben kaufen kann, probiere ich es doch immer wieder und kaufe Dinge, die mich daran erinnern sollen, dass es möglich ist, ein anderes Leben zu führen. Dabei weiß ich ja, dass sich auch mit neuen, besonders weichen Handtüchern, neuen Esszimmerstühlen (Freischwinger?) oder einem antiken silbernen Tortenheber das eigene Leben nicht wirklich ändert. Und trotzdem: Jeden Morgen im Bad freue ich mich über die Marmor-Seifenschale, die ich aus Mexiko mitgebracht habe. Wie gern ich nun nach der Seife greife, um mir die Hände zu waschen. Und ich freue mich über unseren neuen Geschirrspüler, jedes mal, wenn ich das Besteck aus der Besteckschublade räume, staune ich, wie sauber, wie unglaublich sauber Messer, Gabel und Löffel geworden sind. Und wie sie glänzen! Ein Wunder, wirklich. Die neue Spülmaschine, fällt mir ein, habe ich im Bett liegend gekauft. War ganz leicht, ich musste nicht mal aufstehen. Und sie hat, das gefällt mir besonders, eine Edelstahlfront und deshalb Platz für noch mehr Kühlschrankmagneten. Bisher lächelt von dort nur die Mona Lisa, auch die habe ich aus Paris mitgebracht, aus einem der Souvenirläden auf der Île de la Cité.

Der Pléiade-Perec steht nun auf meinem Nachtisch, ich sehe ihn vom Bett aus. Herausgezogen aus dem Schuber habe ich den Band bisher nicht mehr. Hauptsache, ich habe ihn gekauft.