"Ich bin doch keine 13 mehr", dachte ich im Stillen, wenn ich auf dem Weg zu einer Party von allen Seiten zu hören bekam: "Heute habe ich Lust zu knutschen!" Worin sollte der Sinn liegen, mit irgendeinem Fremden auf einer Party zu knutschen, außer um dazuzugehören oder später eine gute Story erzählen zu können? Doch auch die 25- bis 35-Jährigen, mit denen ich unterwegs war, meinten das durchaus ernst. Und entdeckten dann auch noch auf einer beliebigen Veranstaltung mindestens ein Dutzend Leute, die sie attraktiv genug fanden, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Während ich mich nur ratlos umschaute. Und selbst, wenn es ein- bis zweimal im Jahr doch vorkam, dass ich mich zu jemandem auf der anderen Seite der Tanzfläche hingezogen fühlte, war für mich die Vorstellung, diese Person am selben Abend aufzureißen, völlig abwegig. Kam es zu einem näheren Kontakt, verflog das anfängliche Interesse ohnehin meist schnell wieder. War ich irgendwie verklemmt? Oder einfach nur zu wählerisch? Mitleidige oder ungläubige Blicke bekam ich mehr als genug. Ebenso Ratschläge wie: Ich solle mehr trinken und/oder Drogen nehmen, dann würde das schon klappen. Aber wollte ich überhaupt, dass es klappt?

Ins Grübeln brachte mich ausgerechnet eine der Matching-Fragen auf OKCupid. Dazu aufgefordert, meinen Sex-Drive zu bewerten, blieb mir nichts anderes übrig, als "durchschnittlich" anzukreuzen – "extrem schwankend" war schlicht keine Option. Innerhalb einer Beziehung könnte ich jeden Tag mit meiner Partnerin schlafen, bin ich hingegen Single, lebe ich auch mal zwei oder drei Jahre lang asexuell, ohne etwas zu vermissen. Was allerdings nicht heißt, dass ich mich nicht nach romantischen Verbindungen sehne. Oder manchmal auch einfach nur nach jemandem zum Anlehnen und Kuscheln. Hört sich simpel an, ist aber gar nicht so leicht in einer Stadt, in der schneller Sex stets nur einen Klick entfernt, alles andere jedoch fast unmöglich zu finden ist.

Onlinedating ist geradezu unmöglich

Gerade die impliziten Regeln des Onlinedating stellen Demisexuelle vor eine schier unüberwindliche Herausforderung: Bin ich nicht bereit, mein Date nach einem Pro-Forma-Getränk direkt mit nach Hause zu nehmen, oder zumindest eindeutiges Interesse zu signalisieren, wird es vermutlich kein zweites Treffen geben. Ein paar Mal passte ich mich diesen Erwartungen an und hatte etwas mit Leuten, von denen ich dachte, sie könnten in der Zukunft möglicherweise eine sexuelle Anziehung in mir wecken. Was sich so verlogen und merkwürdig anfühlte, dass sich natürlich rein gar nichts bei mir entwickelte. Die wenigen Menschen hingegen, die mir scheinbar Zeit ließen und Raum gaben, Vertrauen aufzubauen, ohne mich mit ihrem eigenen Begehren zu überfallen, erwiesen sich im Nachhinein als hochgradig labil oder bindungsgestört. Bis ich begriff, dass Commitment Issues, Identitätskrisen und Unsicherheiten über die eigene sexuelle Orientierung nicht dasselbe sind wie Demisexualität, verging ein ziemlich holpriges Jahr voller Verwirrung und Selbstzweifel.

Inzwischen habe ich "demi" als weitere Komponente meiner sexuellen Identität akzeptiert und sehe durchaus auch Vorteile an meinen asexuellen Phasen. Während meine Freund_innen sich beklagen, zu viel Zeit mit Dating-Apps zu verschwenden, wenn die Libido verrückt spielt, oder sich auf Affären einzulassen, die sie später bereuen, kann ich mich in diesen Zeiten einfach auf mich selbst konzentrieren. Und mit etwas Glück den Wunsch nach Körperkontakt mit platonischen Kuschelfreund_innen erfüllen.

Wenn dann doch mal jemand mein Interesse weckt, hilft es ungemein, meine Demisexualität gleich aufs Tapet zu bringen. Gerade in der Queer-Community, in der auch das Thema "mono" oder "poly" schnell aufkommt, wenn sich eine Beziehung anbahnt. "Demi" und "poly" schließen einander nicht aus – im Gegenteil: Meiner Erfahrung nach hat Demisexualität ganz zentral mit einem Bedürfnis nach Vertrauen und Beständigkeit zu tun, nicht aber notwendigerweise mit Exklusivität. Sprich: In meinem Leben gibt es einen kleinen Kreis von Menschen, denen ich mich sehr verbunden fühle – emotional, geistig, freundschaftlich, romantisch, und manchmal eben auch körperlich. In einer nicht-monogamen Beziehung mit einem allosexuellen Menschen gehen die Bedürfnislagen natürlich oft auseinander, was ein hohes Maß an Kommunikation, Toleranz und Respekt erfordert. Dass für mich die Option, unverbindlichen Sex außerhalb der Partnerschaft zu haben (was oftmals als die einfachste Variante angesehen wird), keinen Reiz darstellt, ist für viele nicht leicht zu akzeptieren. Ebenso die Tatsache, dass sich meine romantischen Gefühle nicht unbedingt auf eine Person beschränken. Im Gegenzug muss ich vielleicht damit klarkommen, dass meine Partnerin ab und an mit Leuten auf Partys knutschen oder One-Night-Stands haben möchte. Früher fand ich die Vorstellung von Intimität mit Fremden bedrohlich; heute kann ich sie zumindest nachvollziehen. Und finde sie – kanalisiert durch einen geliebten Menschen – manchmal sogar, naja, heiß.