Ich verabschiedete mich vom Spiegel nach 26 Jahren und wechselte zur Welt, wo ich im Grunde schon nach 14 Tagen erledigt war, weil ich in einem Kommentar zu einer Talkshow über Sexualerziehung an den Schulen eine katholische Position bezogen, ein katholisches Familienbild verteidigt hatte. Im Laufe der Diskussion wurde dieses Familienbild als homosexuellenfeindlich bezeichnet. Da platzte mir der Kragen.

Tatsächlich aber war diese Kolumne nur ein interessanter Test, wie ernst es dieser Zeitung mit der Meinungsfreiheit war. Meine kleine Internetglosse, die den lustigen Titel "Ich bin wohl homophob und das ist auch gut so" trug, eine Form von Polemik, die Rod Liddle vom grandiosen britischen Spectator brillant vorzuführen pflegt, was beweist, dass die Briten eben doch mehr Humor haben als wir, wurde gleich von vier verbiesterten Artikeln (unter anderem von Claudia Roth und dem stellvertretenden Chefredakteur, der sich doch "Debatten" von mir gewünscht hatte) schäumend in die Tonne getreten. Meine Online-Kolumne, die doch die von mir erwarteten Rekorde an Klicks im Netz erbrachte, wurde wie mit einem Voodoo-Zauber buchstäblich ausgeräuchert. Eine Abmahnung kassierte ich ebenfalls.

Mit Merkels Flüchtlingspolitik war ich nicht einverstanden, ich hielt ihre Alleinentscheidung zur Grenzöffnung am Parlament vorbei für diktatorial, und die Verzückungen der "Willkommenskultur" erinnerten mich stark an die Hippie-Verwirrtheiten meiner Jugend.
Mir kommt es so vor, als ob bei den Deutschen etwas nicht stimmt im Gefühlshaushalt: Sie sind politisch gern außer sich, wenn sie vernünftig sein sollten, und sie sind absolut vernagelt, wenn ein wenig Verrücktheit, also Offenheit für den Glauben und Wunder, am Platze wäre. Wie wäre es mit katholischer Menschenklugheit, wie sie von Thomas von Aquin gerade zur Flüchtlingskrise zu lernen wäre: "Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung."

Abgang bei der "Welt"

Als das fürchterliche Bataclan-Massaker in Paris geschah (ich hatte gerade einen Besuch mit Winfried Kretschmann bei verzweifelten Landräten und in Flüchtlingsheimen hinter mir), setzte ich mehrere Posts auf Facebook ab. Sarkastische, weil ich neben dem Schrecken voller Wut war: "Bin gespannt, wie lang es dauert, dass Maas sich besorgt zeigt darüber, dass das alles Wasser auf die Mühlen der Rechten ist." Oder: "Das hat natürlich alles nichts mit dem Islam zu tun." Unter anderem das: "Nun wird frischer Wind in die Debatte kommen über mehrere Hunderttausende unregistrierter junger muslimischer Männer im Lande." Ich erntete dafür eine öffentliche Kündigungsdrohung des Chefredakteurs auf Facebook ("durchgeknallt", "man wird sich intern damit beschäftigen"). Später sollte sich herausstellen, dass einige der Täter tatsächlich die Fluchtrouten über Deutschland genutzt haben.

Als ich in der darauffolgenden Konferenz dazu Stellung nehmen wollte, ich kam zu spät, wie leider oft, wurde ich zu meiner Überraschung gar nicht erst eingelassen. Vor der Konferenztür kam es zu einem erregten Wortwechsel mit dem damaligen Stellvertreter, in dem ich lauthals das "durchgeknallt" des abwesenden Chefredakteurs und seines Vizes und des ebenfalls abwesenden Kai Diekmanns (der mir höhnisch "ekelhaft" hinterhergetwittert hatte) von mir wies, und rief, jeden einzelnen beim Namen nennend: "Ihr seid durchgeknallt."

Eine halbe Stunde später war ich fristlos gekündigt. Ein Kollege soll geäußert haben, "der Matussek hat sich gerade mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft gejagt". Schade, ich hatte gern für die Welt am Sonntag gearbeitet und ein paar nette Leute kennengelernt.

Geächtet allerdings war ich schon vorher, durch das Buch Gefährliche Bürger von zwei Autoren, die mich und andere als solche bezeichneten, weil ich rechtsradikal sei, subversive Netzwerke knüpfen würde und vorhätte, die demokratische Ordnung zu "unterwühlen". Eine der Autorinnen setzte in der FAS nach und nannte als Grund für eine Ächtung, dass ich die Kanzlerin kritisiert habe. Geächtet wurde ich ebenfalls in der Schaubühnenproduktion Fear, in der unter anderem insinuiert wurde, dass es in Ordnung sei, Zombies wie Bettina Röhl und Beatrix von Storch "zwischen die Augen zu schießen". Mein Porträt wurde zwischen denen von NPD-Kandidaten auf die Bühne projiziert. Bei Rechtsverdacht gilt ganz offenbar "Feuer frei".

Gegen publizistische Sprachregelungen

Tatsächlich befürchte ich, dass wir ausgerechnet in jener Arena, in der das freie Wort wichtiger ist als nie zuvor, nämlich im Journalismus, in ein Klima der Verdächtigungen und Sprachregelungen abgleiten, zu dem George Orwell, der Autor von 1984 meinte: "Wenn Freiheit überhaupt einen Sinn haben soll, dann ist es die, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen." Was mich persönlich und meinen Kollegenkreis angeht, kann ich nur, ohne Wehleidigkeit, aber mit einem gewissen Erstaunen Ludwig Börne recht geben, der bereits im Vormärz feststellte: "Drückender als die Zensur der Regierung ist die Diktatur der öffentlichen Meinung."

Seitdem arbeite ich für die Weltwoche, schrieb ich eine Titelgeschichte für den Focus über Luther, schreibe ich für Tichys Einblick. Und ich arbeite an einem Buch, das im nächsten März herauskommen wird und sich mit einem Kollegen beschäftigt, der, nach Ernst Bloch, "zu den gescheitesten Männern, die je gelebt haben" gehörte: dem großen Gilbert K. Chesterton, dem katholischen Konvertiten und, das vor allem, Kollegen, nämlich Journalisten. Chesterton, zu dem ein Heiligsprechungsverfahren läuft, hat ja nicht nur Pater Brown erfunden, sondern in annähernd 6.000 Essays gegen seine Zeit angeschrieben, unter anderem gegen seinen Freund und Gegner George Bernhard Shaw, den Eugenik-Befürworter und Sozialisten – die öffentlichen rhetorischen Gefechte, die sich die beiden in Oxford und in London lieferten, waren große Spektakel und lieferten den Beweis, wie man auch über Gräben hinweg im Gespräch, in der Debatte bleiben kann.

Kurz vor seinem Tod schrieb Chesterton eine fulminante Biografie über seinen Freund, und Shaw sagte: "Man muss mit ihm streiten, um ihn zu bewundern, und ich bin fast stolzer darauf, ihn zum Gegner gehabt zu haben als zum Freund." Einer der Gründe zum Streit war ganz sicher Chestertons orthodoxer Katholizismus. "Zu den Vorzügen der katholischen Kirche" (wie sie damals war) zählte Chesterton insbesondere, "dass sie die einzige Sache ist, die einen von der erniedrigenden Sklaverei befreit, ein Kind seiner Zeit zu sein."

Ein Unzeitgemäßer, den besonders unsere Kirche neu lesen sollte.
Ein Widerständler nach meinem Geschmack.