Ich las Sartres Büchlein über Marxismus und Existenzialismus, und ein Jahr später batikte ich meine Unterhemden, wie es alle taten, und trug Ketten aus dicken Holzperlen und eine Bongo-Trommel mit mir herum. Nach der Schule saßen wir auf dem kleinen Schlossplatz, warfen Aufputscher, die es rezeptfrei gab und kifften und waren cool und links und Antiestablishment wie alle.

Ich hielt es mit Prinz Leonce aus Büchners überdrehter romantischer Komödie: Ich wünschte, ich könnte mir selbst auf den Kopf schauen. Rausch und Gegenwelten.

Unsere Lehrer hatten zum Teil den Krieg erlebt, unser Griechischlehrer hatte ein Holzbein, das er in fröhlichen Runden gerne mal abnahm. Ich fand ihn toll, aber die meisten hatten Probleme mit mir. Folgerichtig blieb ich sitzen, einfach weil ich zu viel um die Ohren hatte, um mich um Mathe und Physik zu kümmern.

In der Tanzstunde, ja, das gab es damals, boykottierte ich mit meinem Freund das Etikette-Training für die höheren Töchter und las aus Joyce' Ulysses vor, die Beichtszene, und wir lachten uns kaputt, und die Mädchen wurden neugierig und lachten, weil wir lachten, und die Sache war für den verzweifelten Tanzlehrer gelaufen.

Tanzschule, was für eine wundervolle Art, Mädchen kennenzulernen. Die allerdings lernte man auch so leicht kennen, denn der "Summer of Love" fand bei uns einfach zwei Jahre später statt, so um 1969, psychedelische Musik waberte von Haight-Ashbury rüber, Woodstock lief, und die Mädchen trugen Miniröcke, und die progressiveren Mütter besorgten ihren Töchtern Antibabypillen, wir waren links, und damals bedeutete das: pure Lust und Regellosigkeit und Freiheit und das gute Gefühl, die Menschheit zu befreien von den Alten, die den Karren offensichtlich in den Dreck gefahren hatten.

Der Kapitalismus war schuld

Also für mich war '68 ff. zunächst Hippie-Kultur, West-Coast-Underground, Lust. Räusche waren so wichtig wie Ideologie, beides versprach das ganz Andere, ja, sie fielen meistens ineinander, und ich hatte tatsächlich einen kaum stillbaren Theoriehunger.

Mit 16 wurde ich Mitglied der Marxistisch-leninistischen Schülerorganisation, ein Anhängsel des KAB/ML. Ich schrieb für das Rote Signal, unser Zentralorgan, agitierte, ich führte Schulungen durch, denn ich hatte Lohn, Preis, Profit und Lohnarbeit und Kapital aus dem Dietz-Verlag gelesen, und mir war klar, dass das Unglück der Entfremdung, der Ausbeutung, der Kriege, all das seine Ursache im System des Kapitalismus hatte.

Etwa um dieselbe Zeit mussten meine Eltern nach Hamburg ziehen, der Direktor des ehrwürdigen Karls-Gymnasiums (Schiller ging dorthin!) bat meinen Vater inständig, mich mitzunehmen, mein Vater bat ihn umgekehrt ebenso inständig, mich zu behalten, ich war völlig seiner Meinung. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt wenig zu sagen.

Ich kam unter in einer maoistischen Lehrer-WG. Transparente malen und so. Vor allem morgens um fünf Uhr, vor Schulbeginn, am Werkstor von Bosch den zur Frühschicht erschienenen müden Malochern Flugblätter in die Hand zu drücken, mit Parolen wie "Für ein fortschrittliches Betriebsverfassungsgesetz", die sie, nach einem Blick auf die Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong zusammenknüllten und irgendwohin feuerten.

Ich war also nicht mehr Ministrant, sondern Marxist, übrigens gab es auch hier eine Art Bibel wie im Christentum, auch hier eine Entfristung des Heils, die Rettung wurde auf künftige Generationen verschoben, und bis dahin gab es eine (dem Christentum vergleichbare) unendliche Märtyrergeschichte.