In Teheran, der Schah war noch an der Macht, gerieten wir in unserem VW-Bus, in dem wir schliefen, in einen schweigenden Marsch von Schiiten, die sich den Rücken geißelten. Wir wachten von dem "klatsch-klatsch" auf und lugten durch die Vorhänge nach draußen und beschlossen, gaaanz still zu sein, wir standen mitten in diesem Strom von blutigen Menschenleibern. In Lahore, Pakistan, kamen wir auf die sehr kapitalistische Idee, ein Kilogramm Haschisch für ganze 20 Dollar zu kaufen, um es in Goa (Indien) für sagenhafte 400 Dollar zu verkaufen.

Da die Sonne senkrecht stand über dem asphaltierten Niemandsstreifen zwischen der pakistanischen und der indischen Grenzbaracke, rund 500 Meter Fußweg, fing das Zeug, das ich zu Schuheinlagen zurechtgeschnitten hatte, an zu mampfen und zu riechen, weshalb die Dame am indischen Zoll – blauer Sari, drittes Auge auf der Stirn – mich sofort rauswinkte. In Ketten wurde ich ins Central Jail of Amritsar verbracht, wo ich zwei Monate brummte.

Ich hatte zwei Bücher dabei: Simmel Es muss nicht immer Kaviar sein und Marcuses Der eindimensionale Mensch, dazu hatte ich mir schnell noch einen Batzen aus der sichergestellten Schmuggelware in den Hosenbund gesteckt. So hatten wir im Knast genug zu rauchen, und weil der Fraß unerträglich war, las ich den übrigen (Franzosen, Schweden, Italiener, einer aus San Francisco) die Rezepte aus Simmels Buch vor.

Dutschkes Versprecher

Irgendwann rochen die Sikh-Wärter wohl was, und ich wurde, nachdem ich mit einer Bastklatsche ins Genick geschlagen wurde bis der Hals anschwoll und die Luft knapp wurde, zwei Tage lang in Eisen gelegt. Marcuses Buch, diesen verführerischen, von kalifornischer Hippie-Sonne durchstrahlten Leitfaden zum zivilen Ungehorsam, studierte ich still, mit dem eisernen Entschluss, nie ein eindimensionaler Mensch zu werden. Wie sang John Lennon in Revolution: "You say you want a revolution... you better free your mind instead." Interessant in dem Zusammenhang der Versprecher Rudi Dutschkes nach dem Mordanschlag auf ihn, als er wieder reden lernen musste. Er verwandelte die berühmte Marx-Formel, dass es nicht genüge, die Welt zu interpretieren, sondern man müsse sie auch verändern. Dutschke sagte, "es genügt nicht, die Welt zu interpretieren, sondern man muss sich auch ändern".

Wir waren neben dem Trakt mit den Todeszellen untergebracht, einer stand da auf der anderen Seite der Mauer, offenbar auf einem Stuhl, ich holte mir auch einen, wir konnten uns mit den Fingern berühren, er saß dort, weil er an einem Terroranschlag auf Indira Ghandi beteiligt war. Er hieß Gupta, kannte Gedichte von Tagore, gebildeter Typ. Und tröstete ausgerechnet mich verwirrtes Wohlstandskind.

Eines Morgens fehlte die Hand. Keine Antwort auf meine Rufe. Ich fragte den Wärter, was mit ihm passiert sei – er sagte, Gupta sei die Nacht zuvor gehenkt worden.

Abgeräumt vom Punk

Zwei Wochen später gab es einen öffentlichen Ringkampf im Knast, ich ging frühzeitig wieder zurück in unsere Ausländerzelle und wurde, ohne es zunächst zu registrieren, verfolgt von zwei dunklen kurzhaarigen Typen, die mich dann an eine Innenmauer pressten, um mich zu vergewaltigen – im letzten Moment fuhr Peter dazwischen, ein langhaariger blonder friesischer Zwei-Meter-Riese, der mit mir zusammen eingefahren war. (Er starb drei Jahre später an einer Überdosis Heroin.) Wieder draußen übernachteten wir auf dem Dach des Golden Temple in Amritsar, wir hatten Opium genommen und waren geradezu kosmisch versöhnt, wir schwammen im Sternenhimmel über uns und erlebten einen Vorgeschmack aufs Paradies.

Ich zog nach Berlin, wie alle meine Freunde. Der breiige Orchesterpop von Yes und die Songwriter-Harmlosigkeit von Billy Joel waren durch Glam-Rock abgelöst worden, und wenig später räumte der Punk Flower-Power-Idioten wie mich umstandslos ab. Irokesenhaare, Pickel im Gesicht, Sicherheitsnadeln und verrotzte Lederjacken, ich konnte nichts damit anfangen. Ach ja, und die Mädchen trugen Wickelröcke bis auf den Boden, und alle lasen Svende Merian.

Ich hatte meine Punk-Phase bereits im Fachwerkhaus 1970 hinter mich gebracht, als ich die maoistischen Lehrer mit MC5s Kick out the Jams vertrieben hatte. Jetzt wollte ich nur noch meine Ruhe, und mein Studium so schnell wie möglich hinter mich bringen und nahm keine Notiz von David Bowie, der in Schöneberg in diesem Café gegenüber des Kino Notausgangs mit Leuten wie Salomé oder Rainer Fetting abhing.