"Ich warf meinen letzten Trip 1974": Matussek Mitte der Siebziger. © privat

Ich trieb immer weiter zur Mauer hin, fröstelnd, hinter dem Schlesischen Tor war eine Gegend mit verlassenen Fabrikhallen, ich sah Gestalten um ein Feuer sitzen und ich setzte mich dazu. Es waren Penner, die hier wohnten, und die sich Blumenkohl, den sie aus dem Abfallcontainer eines Gemüsemarktes organisiert hatten, in einem Kessel kochten. Verwitterte, rohe Gesichter, Männergesichter voller Dreck und Narben, mit Kinderaugen, manche stumpf, manche furchtsam.

Ich verspürte unglaubliche Zuneigung zu diesen verletzten, ausgepowerten, ausgemusterten Menschenresten, die so viel lebendiger waren als alles, was ich in dieser Nacht erlebt hatte, auf jeden Fall menschlicher als die Kunst-Schickeria und die blasierten Nickelbrillen des Metamusik-Festivals.

Es war etwas sehr Katholisches, der Blumenkohl, den wir da aufteilten, das war eine Art Kommunion, ich sah Christus-Gesichter.

Nach der Zwischenprüfung (heute Bachelor) besuchte ich die Münchner Journalistenschule. München war im Vergleich zu Berlin ein Sanatorium voller zufriedener Menschen ohne alle Aggressionen. Statt Drogen zu nehmen, soff man dort, meine Funktion im Praktikum bei der Boulevardzeitung tz bestand darin, morgens eine Zweiliterflasche Grüner Veltliner auf den Tisch der Lokalredaktion zu stellen.

Da ich immer übertreiben muss, soff ich weiter und weiter, zog zurück nach Berlin und soff mich nach einem Selbstmordversuch in die Irrenanstalt.

Als ich dort aufwachte, war da – mein Vater. Er besuchte mich, es war kurz vor Ostern, er war voller Liebe und ohne alle Vorwürfe, und er weckte in mir erneut den Glauben meiner Kindheit, den Glauben an eine Auferstehung, auch an meine eigene. Es war, wie Bloch am Ende seines Prinzip Hoffnung schreibt, ein Nachhausekommen, eben diese Hoffnung, dass in der Welt etwas entsteht, "was in unser aller Kindheit scheint und worin noch keiner von uns war: Heimat".

In der Kunst schon nicht mehr links

In den kommenden Jahrzehnten würde ich kein Glas, keine Drogen mehr anrühren. Besonders für junge Gemüter ist das Gift!
Mittlerweile, ich war 24, begann ich als Journalist zu arbeiten, im Berliner Abend, der Boulevard-Zeitung des Tagesspiegel, eine Mittagszeitung für studentische Spätaufsteher, Bleisatz, unter dem hinreißenden unvergesslichen Claudio Isani, mit dem ich Antiquariate durchstöberte, "hier, Cortazar, musst du lesen", ein Feuilletonist, der tanzte in seinen Literaturkritiken, überbordend fröhlich, vor allem morgens um sechs in der "Gasse" der Bleisetzer, wenn es darum ging, Überschriften zu erfinden. Leider starb er früh, erfuhr ich später von seiner Frau, mit gerade 60.

War ich noch links in jenen Tagen? Sicher nicht, wenn es um Kunst ging. Ich liebte das Theater von Peter Stein, nachdem er sich von seinen Agitprop-Unternehmungen zurückgezogen hatte. Peter Steins magische Inszenierung der Sommergäste spielten wir privat nach. Ich war Vlas, den Michael König hinreißend als zynischen Clown gab, "stets Verlass auf Vlas!".

Dann die großen Botho-Strauß-Komödien über die linke Vernissage-Gesellschaft und ihre Störenfriede, die verkanteten Seelen, quer zum Betrieb, die Edith Clever, Libgart Schwarz, Jutta Lampe, was für Wundererscheinungen in Groß und Klein, Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle, Trilogie des Wiedersehens und als Nachläufer Kalldewey, Farce.

Damals hörte ich die berühmte Rundfunk-Debatte zwischen Gottfried Benn und Johannes R. Becher von 1930. Becher forderte politische Tendenzdichtung zur "Befreiung der Menschheit". Ich war auf Benns Seite. Der antwortete dem dichtenden Klassenkämpfer, dass er eine Weltvernunft nicht zu entdecken vermöge. "Eine der glücklichsten Eigenschaften der Menschheit ist ihr schlechtes Gedächtnis, das höchstens ein, zwei Generationen zurückreicht. Daher ihr Optimismus, ihr ruchloser Optimismus, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen." Mit denselben ideologischen Argumenten, so hielt er Becher entgegen, der beim klassenkämpferischen Zeitgeist untergehakt war, hätte auch Dschinghis Khan in China einrücken können. Nein, Weltvernunft in der Geschichte mochte Benn nicht entdecken. "Die Unteren wollten immer hoch, und die Oberen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen."

Moralisierende Imperative

Fatalistisch, aber es sprach mir aus der Seele, damals, denn den Glauben an eine linke Utopie hatte ich verloren und jede noch so ferne Sympathie dafür angesichts der moralischen Bruchlandung der RAF-Mörder, und hatte damit einen ersten Mosaikstein zum "heutigen Matussek" gesetzt.

Im Tip, dem Berliner Stadtmagazin, stieß ich auf Jörg Fauser, den wohl coolsten Krimiautor, der nebenbei ein begnadeter Essayist (Orwell, Huxley) und Songschreiber (Der Spieler für Achim Reichel) war. Er fand das Regietheater zum Kotzen und all den übrigen subventionierten Avantgarde-Käse, den das Berliner Kulturleben im Überfluss produzierte. Der Katholik Graham Greene war ein Gott für ihn. Von den Grün-Alternativen meinte er, dass sie die wehleidige Krätze sind, dass sie unkultiviert und egoistisch und dumm sind, dass man sie bekämpfen muss, wo es nur geht.

Bekämpfen aber wollte ich sie gar nicht, manches erschien mir naiv-schön, ein Freund aus der Journalistenschule war deren Sprecher, plötzlich mit langem Popen-Bart, aber mir gingen die moralisierenden Imperative auf die Nerven. Ja, inzwischen hatte ich aufgehört, ein zuverlässiger, ein selbstverständlicher Bündnispartner der Linken zu sein.