Herrschaftskritik jederzeit, nun allerdings hatte die Herrschaft gewechselt, denn nun hatte der linke Diskurs übernommen.
Wie faszinierend dagegen das dunkle Erlebnis Faust des Regiemystikers Klaus-Michael Grüber in der Volksbühne, mit dem alten Bernhard Minetti in fleckiger gelber Werther-Weste nahezu im Solo. Mit ihm war ich befreundet, ich schaute Länderspiele mit ihm zusammen. Kurt Hübner ließ mich heimlich in die Piscator-Loge während der Proben, nach meiner Kritik rief mich die Stern-Chefredaktion an, sie wollte mich abwerben, sie musste sich nicht sehr anstrengen, ich wollte zu den Profis in die Bundesliga.

Natürlich war der Stern links, weil es einfach das herrschende Milieu war. "Wir haben abgetrieben", war eine der berühmtesten Titelgeschichten. Rechts war uncool. Allerdings war rechts manchmal auch extra-cool: Ein paar Monate nach meinem Beginn dort stolperte die gesamte Hierarchie über die gefälschten Hitler-Tagebücher, die fasziniert vom Vorstand angekauft worden waren, die Redaktion streikte und probte den Aufstand, aber letztlich, wie nach jedem Aufstand, wurden nur die Pfründe neu verteilt.

Ich liebte Außenseiter, offenbar weil ich mich in ihnen spiegelte. Ich porträtierte einen Mann, der im Müll lebt. Ich stöberte den Dichter Robert Lowry in einer Irrenanstalt auf. Ich porträtierte den großen Trinker Charles Bukowsky, den großen Junkie William R. Burroughs mit seiner Waffensammlung.

Mit den "Gib Gas, ich will Spaß"-Achtziger-Jahre-Tempo-Journalisten, die später eine Zeit lang Schlüsselpositionen in den Feuilletons besetzten, konnte ich nichts anfangen. Ich fand sie zu überzeugungslos, zu oberflächenglatt, zu designverliebt. Stattdessen traf ich 20 Jahre nach dem "Summer of Love" mit Allen Ginsberg und Marianne Faithfull und Keith Haring und Yello Biafra in Kansas zusammen – wir ballerten in die Prärie.

Lenin im Müll, Madonna an der Wand

Waren sie links? Es interessierte sie nicht besonders, sie waren Underground, sie lebten ihre Art von Widerstand, wobei Burroughs wie alle anderen der Reagan-Regierung in Washington nur das Allerböseste zutraute. Und mir waren sie wegen ihres Widerstandes sympathisch.

Meine Marx- und Leninposter waren längst im Müll, aber die Madonna hing an der Wand, anmutig und schön, und sie zertrat mit zartem Fuß das Böse, das sich unter ihr in Form der Schlange um die Weltkugel legte. Und allmählich kam der Zweifel, nicht nur, ob ich es schaffen würde, den Kapitalismus zu besiegen, sondern ob ich es überhaupt wollte.

Kurz darauf der Spiegel. Einer der ersten Texte dort war gleichzeitig einer meiner letzten, die ich auf Schreibmaschine verfasste, und dazu einer der ganz seltenen, die ich (fast) ohne jede Korrektur herunter- und heraustippte. Es war ein Porträt über Edith Clever und Hans-Jürgen Syberberg, die Kleists Penthesilea auf die Bühne brachten. Zwei Solitäre. Ein Feuer-Erlebnis, und ich schrieb über den Umgang mit den beiden und über das innere Erlebnis, die Sätze waren fertig im Kopf, ich schrieb nur ab.

Zwei Jahre später erlebte ich, nach dem Mauerfall 1989, den Zusammenbruch der linken Theorie, allgemeiner: den Offenbarungseid eines Systems, das aus Lügen gezimmert war und einbrach wie eine morsche Theaterkulisse. Da war ich wohl, nach politischer Arithmetik, rechts, ein weiterer Mosaikstein zum "Matussek von heute", denn ich fuhr durchs Land und unterhielt mich mit den Opfern. Einquartiert war ich im Ostberliner Palasthotel.

Leere linke Phrasen

Tatsächlich ein Kuddelmuddel aus Täter- und Opferbiografien, lauter Flickversuche. Das System der bösen alten verbohrten Männer hatte unendliche Verheerungen, unendliches Leid angerichtet. Vor allem: durch die Lüge in der Sprache. Es gab diese zwei Bereiche, in der Öffentlichkeit hielt man sich an die geforderten Sprachregelungen, in der Küche dagegen wurde Wahrheit geredet. Der Psychiater Maaß sprach vom "Gefühlsstau", der entsteht, wenn eine politisch "falsche" Äußerung zur sozialen Ächtung, zu Berufsverbot und eventuell Gefängnis führt.

Kennen wir das nicht heute wieder, in den Beschwörungen vom "Kampf gegen rechts" und dem "Antifaschismus" als Zivilreligion und "One World" (also Die Internationale, die es selbstverständlich nur als Phrase gab) und "Uns werden Menschen geschenkt"?

Der Krebs der Lüge fraß sich durch alles, all diese Phrasen von "Völkerfreundschaft" und "Solidarität" und "Besserer Zukunft" bis hin zur herrlich skurrilen unbeholfenen Autobahnwerbung "Küken aus Segrehna – gesund, vital, leistungsstark" oder "Electroimpex aus Bulgarien – ein verlässlicher Handelspartner". Aber es waren die moralischen Phrasen, die mich empörten, weil sie die schiere Unmoral, die Zuchthäuser, die nackte und brutale Herrschaft über Andersdenkende versäuselten.