Selbstmordstatistiken wurden nicht veröffentlicht, denn der sozialistische Mensch ist ein glücklicher Mensch, ich schrieb ein Buch über diese Zeit (Palasthotel) und eines über Biografien, die im Selbstmord endeten (Das Selbstmordtabu). Eines muss man ihm lassen, schrieb Alexander Osang damals in der Berliner Zeitung, Matusseks Reportagen seien brillant und böse, "aber immer auf Seiten der Opfer".

Mein Thema war Herrschaftskritik, mein Plädoyer war das Recht des Einzelnen auf Dissidententum. Figuren auf der Klippe. Das ist für mich, liebe Freunde und Matussek-Verächter, immer das Spannendste gewesen und geblieben.

Die für mich zweifellos wichtigste Begegnung aber war die mit einer jungen Slawistikstudentin, die gerade aus der Moskauer Lomonossow-Universität zurückgekehrt war, da war ich weder links noch rechts, sondern verliebt und heiratete sie. Überfallartig, bevor sie groß nachdenken konnte, Harassment alter Schule! Im vergangenen Jahr feierten wir Silberne Hochzeit.

Als in Hoyerswerda 1991 Steine gegen Vietnamesen und Mosambikaner geworfen wurden, war ich als erster zur Stelle und fuhr mit verängstigten Vietnamesen in einem Bus mit gesplitterten Scheiben durch die Nacht, und ich schrieb eine Spiegel-Titelgeschichte über das Progrom an denjenigen, die im Rahmen der "Internationalen Völkersolidarität" hier untergebracht waren, ohne je wirklichen Kontakt zu haben mit "denen, die schon länger dort lebten".

Ich schrieb aber auch über die ratlosen, dumpfen Täter in ihren freudlosen Silos, viele junge darunter, die an den Wänden ihrer Kinderzimmer schwarze Popidole wie Michael Jackson hängen hatten und keine Sprache für ihre Widersprüche, also auf ihre Art Opfer.

Die Macht des öffentlich erlaubten Diskurses

Kurz darauf zog ich mit meiner jungen schönen Frau nach New York, als Korrespondent, nur raus aus dem deutsch-deutschen Schlamassel, unser Sohn wurde dort geboren, und er ist sehr stolz auf einen amerikanischen Pass. Wie sehr ich dieses Land liebte! Über die dort an den Unis gerade ausbrechende Political Correctness schrieb ich Anfang der Neunziger mit einer Verwunderung wie über Marsmenschen. Ein Junge in Cornell hatte beim Tanzen in der Mensa übermütig ein Mädchen geküsst, ohne sie zuvor förmlich um Erlaubnis zu fragen, er wurde wegen "sexual harassment" zu einer öffentlichen Selbstkritik in der Campus-Zeitung verdonnert, sowie zu einer sechswöchigen Sexualtherapie, sein Verbleib an der Uni war ein Gnadenakt, für den er sich im Gespräch mit mir auf seiner Bude eingeschüchtert und nahezu schlotternd vor Angst bedankte. Nach meiner Erfahrung mit DDR-Opfern hatte ich die Macht des öffentlich erlaubten Diskurses nicht wieder in dieser puren Tyrannei erlebt.

Wie hatte ich eingangs gesagt: Ich bin herrschaftswidrig aus Reflex, und die feministischen Hexenjagden auf dem Campus waren eine fürchterliche Form von Herrschaft. Daneben, selbstverständlich, Reportagen kreuz und quer durchs Land, unter anderem, sympathisierend, über ein junges politisches Genie namens Bill Clinton, und als Fleetwood Mac seine Inthronisierung zum Präsidenten begleiteten, waren für einen Moment die Sixties zurück. Auch danach, während des Lewinsky-Skandals, sorgte er für vergnügliche Geschichten.

Ich schrieb über Lobbyisten, über Filmstars und über Obdachlose, über Randfiguren, mit denen ich im Washington-Fort-Shelter Nächte verbrachte, verwirrte GI-Veteranen im New Yorker Tunnelsystem, aber auch über die Partys des neuen Rat Packs Brett Easton Elis, McInerny und Tama Janowitz, die ich mit Harold Brodkey besuchte. Das Schöne am Journalistenberuf ist dieses Wandern durch sämtliche Milieus. War ich links oder rechts? Ich war Journalist mit Hunger auf Geschichten.

Missionar der Männerbewegung

Zurück in Deutschland wurde ein weiterer Teil des "Matussek von heute" sichtbar, denn ich schrieb über Väter, die hungerstreikten, weil sie nach der Scheidung von ihren Frauen erfolgreich gehindert wurden, mit ihren Kindern Umgang zu haben, und auf ihre Rolle als Zahlväter reduziert wurden. Ich schrieb über die Zerstörung von Familien aufgrund eines falschen Anreizsystems, das genau dazu ermunterte.

Und ich wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig Väter für ihre Kinder, besonders ihre Söhne, sind. Tatsächlich war mein Vater, nachdem ich wieder bei Sinnen war, einer der wichtigsten und geliebtesten Menschen und Ratgeber bis zu seinem Tode, er war: Vater. Ich schrieb ihm in meiner Novelle Die Apokalypse nach Richard einen Liebesbrief hinterher.

Mein Titel Die vaterlose Gesellschaft war eine wütende Polemik gegen die Frauenallmacht in Behörden, Gerichten, Ämtern, in der Berater- und Scheidungsindustrie, und eine Warnung davor, Väter nach einer Scheidung auszugrenzen. Ich zog mit meinem gleichnamigen Buch als "Missionar der Männerbewegung" (Stuttgarter Zeitung) durch die Lande, und bekam von der Zeitschrift Emma das Etikett "Pascha des Monats". Nun war ich der Frauenfeind. Wo es mir doch lediglich um Gerechtigkeit für Männer ging und die Rettung der von den 68ern verteufelten Familie.

Kürzlich traf ich Alice Schwarzer beim Börne-Preis in der Paulskirche. "Wer hätte gedacht", rief sie, "dass ich mal mit Ihnen Seite an Seite kämpfen würde", wobei sie Bezug nahm auf meine islamkritischen Artikel, die selbstverständlich die Gleichberechtigung der Frauen und andere demokratische Errungenschaften einklagten. "Sie sind einfach endlich meiner Meinung", antwortete ich.