Abgeriegelte Straßenzüge, hochgerüstete Hundertschaften und defilierende Politiker auf der einen, wütende Demonstranten, genervte Anwohner und durchwachte Journalisten auf der anderen Seite. Beim G20-Gipfel in Hamburg scheint alles beim Alten: Immer, wenn die einflussreichsten Staatsoberhäupter der Welt zusammentreffen, seien es nun sieben, acht oder eben zwanzig, gibt es ähnliche Szenen, ähnliche Rituale.

Genau genommen ist jedoch nicht nur alles beim Alten, sondern beim ganz Alten. In inszenatorischer Hinsicht erkennt man in diesen Meetings der Mächtigen die eigentümliche Schwundform eines sehr viel älteren Stelldicheins: Die G-Gipfel sind Zombies des höfischen Zeremoniells.

Wie der Politikwissenschaftler Philip Manow in seinem 2008 veröffentlichen Buch Im Schatten des Königs gezeigt hat, bedienen sich moderne Demokratien in ihrer Selbstdarstellung einer ganzen Reihe von Mechanismen, die noch in die Zeit des Absolutismus zurückreichen. Im Parlamentarismus wurde dem König nie ganz der Kopf abgeschlagen.

Die Repräsentation der Volksherrschaft ähnelt in vielerlei Hinsicht jener der monarchischen Souveränität. Das zeige sich, so Manow, bereits in den meisten Parlamentsarchitekturen, die dem Körper jenes Leviathans nachempfunden sind, der das Deckblatt von Thomas Hobbes' gleichnamigem Werk ziert: Im Zusammenspiel vom Halbkreis des Plenums als "Rumpf" und dem "Kopf" des Rednerpults bleibt die Fiktion eines geschlossenen Herrscherkörpers inszenatorisch aufrechterhalten. Zudem offenbart sich in der politischen Immunität von Abgeordneten und Diplomaten ein Überbleibsel jenes Gottesgnadentums, das vormals den Monarchen auszeichnete.

Besieht man nun den G20-Gipfel in Hamburg, wird deutlich, dass auch in diesem Kongress der Weltmächte viele monarchistische Restbestände stecken. Auch wenn die Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten zunächst wenig mit den wohltemperierten Staatsschauspielen absolutistischer Höfe zu tun haben, folgen beide doch einer ähnlichen Inszenierungslogik.

Im Absolutismus waren Schlösser riesige Guckkästen, mit unzähligen Fenstern und Spiegeln und Blickachsen. Diese Art der architektonischen Totaltransparenz war dabei kein ästhetischer Selbstzweck, sondern diente einem zweifachen Ziel: Der König hatte den Kontrollblick über seinen Hofstaat, während gleichzeitig alle Anwesenden zu ihm hinaufschauen mussten. Wobei gerade das Letztere wichtig war. Die Präsenz des Monarchen brauchte den Adel als Resonanzkörper. Die Reproduktion royaler Macht funktionierte bei Hofe dadurch, dass die anwesenden Aristokraten sich dieser allein schon durch die spezifische Choreografie ihrer Körper unterordneten, sie bestätigten und verlängerten.

Die Funktion des Schwarzen Blocks

Strukturell passiert in Hamburg gerade ganz Ähnliches. Der G20-Gipfel ist vor allem ein Großereignis in politischer Geometrie. Während die Polizei die Sichtachsen und Paradewege der Staatsoberhäupter sichert, wird der Rest der Hansestadt zum Stadion für Symbolpolitik. Schon klar: Im Vergleich zum höfischen Zeremoniell sind die Maßstäbe, Rollenverteilungen und politischen Vorzeichen komplett andere. In Hamburg winken Umstehende und Angereiste den Herrschenden meist nicht zu, sondern protestieren gegen ihre Politik.

Aus machtpolitischer Perspektive macht das paradoxerweise gar keinen so großen Unterschied. Der Effekt ist weitgehend derselbe. Es gehört zur Dialektik der ritualisierten G20-Proteste, dass diese letztlich den Resonanzkörper für die Reproduktion jener Herrschaft darstellen, gegen die sie sich richten. Wo die Beherrschten in choreografierter wie erwarteter Weise die Herrschenden anrufen, die beiderseitige Eskalation des Protests eingerechnet, mündet das in der performativen Bestätigung der Rollenverhältnisse. Selbst der Schwarze Block hat somit seine zeremonielle Funktion auf der Bühne der Weltpolitik.

Wenn Events wie der G20-Gipfel also etwas zeigen, dann, dass moderne Demokratien ab und an in den untoten Körper des Königs schlüpfen. Vor diesem Hintergrund erschien eine Protestaktion in der Hamburger Innenstadt ungewollt auch als besonders passend. Um gegen die Politik der Weltmächte zu demonstrieren, hatten die Macher der Performance 1000 Gestalten am Mittwoch eine besondere Art des Protestzugs gewählt: einen Marsch von Zombies.