Die Linke hatte mit ihrer Kapitalismuskritik einmal eine Theorie, die in der Lage war, auf Strukturprobleme hinzuweisen, vor allem auf die Frage, wie sich ökonomische Dynamik und staatliche Kompensation von Ungleichheitseffekten zueinander verhalten. Die Sozialdemokratisierung der klassischen Konflikte, also für die Aushandlung zwischen der Dynamik eines Wirtschaftssystems und den Stabilitätsanforderungen eines politischen Systems, war das große Erfolgsmodell des westlichen industriegesellschaftlichen Modells. Mit der Durchsetzung, aber auch der globalen Infragestellung dieses von der regulativen Idee autarker Staatlichkeit geprägten Modells, ist dieses Modell an sein Ende gekommen. Geblieben ist der leere Signifikant "Kapitalismus abschaffen", der vor allem dazu dient, eine Spur von Sagbarkeit der Probleme zu erhalten. Als theoretische und politische Lösung taugt das nicht mehr. Um den Sympathieverdacht der eigenen Forderungen zu erhalten, dafür reicht es allemal.

Für die einen ist es ein Horizont, ein wenig richtiges Leben im falschen zu spielen und vor allem lebensweltnahe Lösungen zu finden. Dagegen ist nichts zu sagen, aber mit "Kapitalismus abschaffen" hat das nichts zu tun – und womöglich hilft es auch nur über die Langeweile eines Alltags, in dem man handhabbare Konflikte nicht mehr vorfindet, nicht einmal mehr gegen die eigene Elterngeneration. Es ist ein Symbol dafür, dass es uns eigentlich ganz gut geht, aber man doch ein Gefühl dafür hat, dass etwas mit der Welt nicht stimmt. Statt die Wirkkräfte einer Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen, die sich dem direktiven Zugriff entziehen, reicht es offenbar, sich paradoxerweise im großen Schuldzusammenhang eines "Lebens auf Kosten anderer" auf der falschen Seite zu wähnen, um damit auf der richtigen Seite zu stehen.

Friedliche Demonstranten und gewalttätige Protestler sind nicht dasselbe

Für die anderen ist es ein Anlass für unversöhnlichen Protest, für die Ankündigung des größten Schwarzen Blocks aller Zeiten und für die medienwirksame Form der Gewalt, mit der man das falsche Leben wenigstens zum Ausdruck bringen kann. Erstaunlicherweise findet sich auf beiden Seiten eine eigentümliche Entpolitisierung des Protestes. Begnügt sich die eine Seite damit, sich mit starken Chiffren und einfachen Schuldzuweisungen, mit hübschen und konsistenten Visionen des besseren Lebens selbst zu beruhigen, beunruhigt die andere Seite mit einer geradezu ästhetischen Form, auf die Undurchdringlichkeit der Welt hinzudeuten. Die Gewalt der marodierenden Banden in Hamburg (und anderswo) ist ja nur Ausdruck einer völligen Planlosigkeit und Diagnoseunfähigkeit, deren gewaltsame Statements wenigstens eindringlich daherkommen und Handlungsfähigkeit simulieren.

Keinesfalls kann man ernsthaft behaupten, dass die friedlichen Protestler und die gewaltsamen Kriminellen identisch seien. Es liegen Welten zwischen ihnen. Aber der innere Zusammenhang besteht doch darin, dass beide Gruppen ihre Ohnmacht angesichts der eigenen Problemdiagnose erleben – die im einen Fall eher ästhetisch und mit einfachen Schuldzuweisungen bearbeitet wird, im anderen mit der tatkräftigen Attraktivität lauter Gewalt und ihrer anmaßenden Form des Dezisionismus.

Wenn man es wirklich böse formulieren will, dann gibt es eine merkwürdige Ähnlichkeit zur rechten Seite. Der rechte Kleinbürger hält Migration und Flucht für ein Symbol der Unordnung auf der Welt, und das Ressentiment dient ihm dazu, Ordnung zu simulieren. Für ihn ist aber letztlich die Tatsache eine Provokation, dass Deutschland ein vergleichsweise erfolgreiches Einwanderungsland ist, dessen Erfolge sich zum Teil ohne politischen Willen eingestellt haben. Dass die Welt "bunter" geworden ist und dennoch nicht zusammenbricht, bringt manche zur Weißglut.

Wir brauchen neue Denkweisen

Analog dazu ist es eine Provokation für den linken Diskurs, dass es der globalisierten Welt noch nie so gut ging wie heute. Viele entscheidende Parameter und Messgrößen weisen darauf hin, dass Indikatoren wie absolute Armut, Säuglingssterblichkeit etc. sinken, Bildung, medizinische Versorgung, sogar Demokratieindizes und nicht zuletzt die mediale Aufmerksamkeit für Missstände steigen. Die größere Beteiligung von Frauen an der Mehrwertproduktion ist ein deutlicher Hinweis auf Entwicklungsfortschritte. Solche Daten kann man nicht ignorieren, wenn man sich ernsthaft mit der Globalisierung beschäftigt und nicht nur an einem universalen Schuldzusammenhang interessiert ist, vor dessen Hintergrund man sich dann mit der Formel "Kapitalismuskritik" beruhigen kann.

Solche Daten erzählen nicht, dass alle Probleme gelöst seien, und das sind sie bei weitem auch nicht. Aber sie wirken für manche Linke wie eine Provokation, weil sie darauf hinweisen, von welch vielfältigen Faktoren Entwicklungs-, Gerechtigkeits- und Verbesserungseffekte abhängig sind. Mediale Aufmerksamkeit könnte ein Katalysator für Veränderungen sein. Und private Investitionen und an Entwicklungsländer angepasste Formen von Geschäftsmodellen können bisweilen stabilere Formen von Versorgung und Infrastruktur ermöglichen als staatliche Programme. Insofern sollte man das Ergebnis des Gipfels, in Afrika private Investitionen zu ermöglichen, nicht nur als so etwas wie Staatsversagen abtun.

Wahrscheinlich braucht es nach wie vor als links geltende normative Intuitionen. Aber eine Linke braucht es womöglich nicht mehr. Wir brauchen stattdessen Denkweisen, die zur Kenntnis nehmen, dass man moderne Gesellschaften intelligenter steuern muss, und anders als die Formel "Kapitalismus abschaffen" suggeriert. Erst dann dürfte eine angemessene und radikale Kritik des G20-Gipfels möglich sein. Denn das Problem ist nicht, dass sich die Regierungschefs der 20 Länder treffen. Das Problem ist, dass es noch keine Idee davon gibt, wie man die Wirkkräfte einer in sich differenzierten Gesellschaft nutzen kann, damit sie sich zum Besseren wendet. Und dann wäre es hinterher gut zu wissen, warum sie wirklich besser geworden ist. An der Abschaffung des Kapitalismus wird es nicht gelegen haben.