An diesem Sonntag scheint endlich Frieden eingekehrt zu sein. Es ist ein warmer Juni-Abend, die letzten Sonnenstrahlen tanzen über die Reichenberger Straße in Kreuzberg. Claire D'Orsay und Daniel Spülbeck sitzen erstmals in Ruhe zusammen. Sie sollen für diesen Artikel fotografiert werden, deshalb treffen sie sich. Bisher haben sie das nie geschafft, obwohl ihr Restaurant und seine Bäckerei Tür an Tür liegen.

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Gerade, als sie sich erzählen, wie sie den Wahnsinn der vergangenen Monate erlebt haben, kommt ein Mann angerannt und schmettert seine Bierflasche auf den Boden. Sie zerspringt direkt vor Claire D’Orsay. Die Scherben treffen ihren Fuß, D'Orsay bleibt wie erstarrt sitzen. Da ist er wieder, der Hass. Seit Monaten lebt die 32-Jährige damit, dass sie beschimpft wird und angeschrien. Man hat die Scheiben ihres Restaurants eingeschlagen und neben die Löcher noch aufs Glas gespuckt. D'Orsay hat all das ertragen. "Hey, ich bin aus Brooklyn", hat sie gesagt und sich wieder aufgerichtet. Aber diese Bierflasche jetzt ist zu viel.

Dass sie einmal zwischen die Fronten der Berliner Gentrifizierungsproteste geraten könnte, ahnt D'Orsay nicht, als sie Anfang Dezember 2016 in das Ladenlokal an der Reichenberger Straße 86 einzieht. Vor sieben Jahren ist sie von New York nach Berlin gekommen, der Liebe wegen. Ihre Frau stammt aus Neukölln. Nun also der Traum vom eigenen Restaurant.

Der Neubau an der belebten Kreuzung im Ostteil von Kreuzberg erscheint ideal, mit seiner begrünten Fassade steht er für das schicke, moderne Berlin. Während D'Orsay Tische und Stühle aufbaut und die Wände mit Fotografien schmückt, bricht in der Bäckerei Filou nebenan eine Existenz zusammen. Daniel Spülbeck und seine Frau Nadja, die das Geschäft mit vier Angestellten betreiben, halten die Kündigung in der Hand. Seit fast 20 Jahren sind sie Pächter, in sechs Monaten sollen sie raus.

Unterzeichnet ist die Kündigung von der Hausverwaltung im Namen von Charles Skinner und David Evans, den Londoner Eigentümern des Hauses – und des Neubaus, in dem D'Orsay ihr Restaurant eröffnet. Niemals, sagt Spülbeck, sei während der dreijährigen Bauarbeiten die Rede davon gewesen, dass der Pachtvertrag nicht verlängert werden könnte. "Es war ein totaler Schock."

Dem 45-Jährigen ist schnell klar, dass er keine vergleichbaren Räume in der Umgebung finden wird. Bisher hatte Spülbeck 905 Euro netto für 76 Quadratmeter gezahlt, das sind knapp 12 Euro pro Quadratmeter. Doch seit einigen Jahren steigen die Preise in der einst etwas abgehängten Gegend rasant. Auf Immobilienplattformen werden für vergleichbare Gastronomieobjekte inzwischen mindestens 18 Euro pro Quadratmeter verlangt. Nach oben keine Grenzen. 

Die Reichenberger Straße stand schon einmal im Zentrum der Berliner Antigentrifizierungsbewegung. Nur wenige Häuser neben der Bäckerei ist 2009 das Car-Loft errichtet worden, ein Wohnhaus mit eigenem Auto-Aufzug. Der Bau wurde zum Symbol für einen entfesselten Kapitalismus auf dem Berliner Wohnmarkt und zum erklärten Angriffsziel linker Demonstranten. Es gab Stein- und Farbbeutelwürfe, vier Jahre lang stand ein Wachhäuschen vor der Anlage. Jedes Jahr am Ersten Mai sicherte die Polizei das Gebäude mit Straßensperren. Die Reichenberger Straße zeigt sehr gut, wie eine zahlkräftige Kundschaft nicht nur die Wohnungsmieten, sondern auch die Gewerbestrukturen verändert. Von einer Spielhalle blickt man auf eine Aesop-Filiale, die australische Edelkosmetik verkauft, neben dem ältesten Gemüseladen des Kiezes hat eine feine Papeterie eröffnet. Noch ist das Verhältnis ausgewogen, aber jedes neue Geschäft wird von den Anwohnern mit Argwohn beobachtet.

Der Reichenberger Kiez: In dem begrünten Eckhaus befinden sich Ferienapartments und das Restaurant Vertikal. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Auch das weltläufig-urbane Vertikal hätte möglicherweise eine friedliche Koexistenz mit dem in die Jahre gekommenen Café Filou eingehen können. Doch durch die Mietkündigung des Kiezladens finden sich beide wieder in einem Kampf von David gegen Goliath: hier das arme Ehepaar mit seinen drei Kindern, deren Bäckerei als Begegnungsstätte im Viertel gilt; der Obdachlose vom Landwehrkanal bekommt hier seinen Kaffee, die Handwerker holen sich ihr zweites Frühstück und auch die Alteingesessenen können sich die Brötchen leisten. Auf der anderen Seite die bösen Investoren aus London, die kostbaren Wohnraum als Ferienapartments für wohlhabende Touristen anbieten.

Dass ihr Restaurant zum neuen Feindbild im Kiez geworden ist, merkt Claire D’Orsay zuerst auf ihrer privaten Facebookseite. "Ich hatte gepostet: 'Berlin accepts you as you are' und plötzlich stand in den Kommentaren: 'There's a corner in Berlin that doesn’t want you there.'", erzählt sie. "Ich fand das seltsam und löschte den Kommentar." Doch es ging weiter: "Innerhalb einer Stunde gingen online zehn 1-Stern-Bewertungen des Vertikal ein; jeder, der eine Gastronomie führt, weiß, wie fatal das ist."

Immobilien - »Dann sieht das schon so aus wie 'ne feindliche Übernahme« In Berlin sind jetzt auch kleine Gewerbetreibende von der Verdrängung betroffen. Im Szenebezirk Kreuzberg regt sich Widerstand. © Foto: ZEIT ONLINE