Nennt uns gefälligst nicht "Prinzessin"! – Seite 1

Emilia ist 25 Jahre alt und Berufsanfängerin. Ihr Vorgesetzter verteilt die Aufgaben, er kritisiert und wertschätzt ihre Arbeit, er übt Druck aus, wenn das Projekt nicht schnell genug vorankommt. Und manchmal nennt er Emilia "Prinzessin". Meine Nichte ist eineinhalb Jahre alt. Wenn ich auf sie aufpasse, gibt sie den Ton an, sie kritisiert und wertschätzt mich, indem sie lacht oder weint. Und wenn sie mal wieder jeden Wunsch von mir erfüllt bekommt, ohne einen Finger zu rühren, nenne ich sie "Prinzessin".



Wir alle, junge Männer und junge Frauen, werden rund um die Uhr an unserer Arbeit gemessen. Wir müssen uns bei den Kolleginnen und Kollegen durchsetzen, müssen kreative Vorschläge machen, in Konferenzen positiv auffallen, selbstsicher und demütig zugleich auftreten. Das gehört zum Einstieg in den Beruf dazu, als junger Mensch wächst man daran. Aber anders als junge Männer müssen junge Frauen das Bild abschütteln, sie seien kleine Mädchen. Welcher Mann wird in seiner Zeit als Praktikant oder Trainee schon als "Prinz" bezeichnet? 

Seit dem Ende meiner Ausbildung wurde mir von erfahrenen Kollegen, aber auch von Kolleginnen geraten, ich solle im Gespräch nicht so viel lächeln, solle meine Stimme am Telefon tiefer stellen, ich solle unfreundlichere E-Mails schreiben. So wie ich auftrete, würde ich als junge Frau nicht ernst genommen. Die Menschen, die mir diese Ratschläge erteilten, meinten es "nur gut" und manövrierten mich durch ihre Tipps genau in die Position, vor der sie mich angeblich bewahren wollten: Sie nahmen mich nicht ernst.

Am Telefon die Stimme senken

Bei Männern, die neu zu einem Team stoßen und ihren Beruf noch nicht lange ausüben, wird auf solche Ratschläge verzichtet. An meinem ersten Tag in einem neuen Job wurde ich dazu angehalten, meine Stimme am Telefon tiefer zu stellen, weil junge Frauen am Telefon angeblich immer in höhere, unseriöse Tonlagen verfielen. Die Person, die mir diesen Rat gab, hatte mich noch nie telefonieren hören. Neben mir saß ein gleichaltriger Kollege mit der gleichen Ausbildung und wartete auf seine Zurechtweisung. Es kam keine.

Theresa Hein, Jahrgang 1990, studierte Komparatistik und Theaterwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und am King’s College in London. Danach besuchte sie die Deutsche Journalistenschule. Die freie Journalistin lebt und arbeitet in München. Ihre Texte erschienen unter anderem im "SZ-Magazin", der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Spiegel". © privat

Irgendwann wurde mir klar, dass es nicht nur an mir liegen kann. Ich erzählte Kolleginnen und anderen jungen Frauen in meinem Bekanntenkreis von meinen Erfahrungen und fragte nach, ob es ihnen ähnlich ginge. Die Resonanz war enorm. Einmal angesprochen war es kaum mehr möglich, das Thema zu wechseln, so groß war das Bedürfnis der jungen Frauen nach Aussprache.

Ein heißer Bikini für die Dienstreise

Sie berichteten mir sowohl von Diskriminierung, die nicht auf sexualisierter Ebene abläuft, als auch von eindeutig sexualisierter Diskriminierung. Vom Vorgesetzten, der eine junge Kollegin monatelang mit dem falschen Namen anspricht und schließlich äußert, ihm sei sein Fehler bewusst; es sei ihm egal, wie sie heiße. Von der Bitte eines Kollegen, einen heißen Bikini mit auf die Dienstreise zu bringen, in dem Hotel gebe es einen Pool. Von einem Kollegen, der den Blick einer jungen Kollegin auffängt, die in der Konferenz etwas sagen will, den Finger auf den Mund legt und ihr bedeutet, sie möge bitte still sein. Von einem verheirateten Vorgesetzten, der nachts Textnachrichten schreibt und sich erkundigt, wann man denn mal endlich zusammen etwas trinken gehen würde, ohne dass je ein Austausch der Telefonnummern stattgefunden hätte.

Diskriminiert wird aber nicht nur von Männern. Eine junge Kollegin berichtet, dass eine Vorgesetzte ihr gegenüber häufig sagt: "Du hast es ja ohnehin viel leichter als ich." Das ist nicht wohlwollend gemeint, sondern bedeutet: "Ich nehme dich nicht ernst, denn den jungen Frauen heutzutage fliegt alles zu." Es ist paradox, dass junge Frauen für das diskriminiert werden, was die Älteren für die Jüngeren erkämpft haben. Durch ihr Verhalten schafft die ältere Frauengeneration genau die bevormundende Atmosphäre, gegen die sie sich ein Leben lang gewehrt hat. Es stimmt, dass wir es leichter haben. Wir haben Chancen, die den Generationen vor uns verwehrt geblieben sind. Wir haben Respekt vor den Frauen, die für uns Möglichkeiten erkämpft haben, die es vor fünfzig Jahren nicht gab. Aber wir müssen deswegen nicht in Ehrfurcht erstarren.

Keine Einzelfälle, sondern Alltag

Natürlich gibt es auch Teams, in denen junge Frauen als vollwertige Mitglieder behandelt und ernst genommen werden. Ich hatte selbst das Glück, Teil eines solchen Teams zu sein. Und natürlich ist hier nicht von einem Diskriminierungskollektiv die Rede, sondern von Einzelpersonen. Einzelfälle sind es deswegen nicht. Wenn jede junge Frau mindestens ein diskriminierendes Erlebnis vom Arbeitsplatz erzählen kann, dann handelt es sich nicht um Ausnahmen, sondern um den Alltag.

Die Herabsetzung von jungen Frauen auf den Status eines Kindes, ihre Entmündigung wird nicht aufhören, wenn wir nicht darüber reden. Aber es ist schwer für Frauen, diese alltäglichen Vorfälle anzusprechen, weil sie sonst schnell als humorlos, undankbar oder empfindlich abgestempelt werden. Dabei haben sexistische Witze nichts mit Humor zu tun und ein Empfinden für einen angemessenen Umgang nichts mit Sensibilität. Sprache kann ein Faustschlag sein. Ein diskriminierender Satz löst sich nicht im Nichts auf. Und egal, ob man sich darüber ärgert oder ihn zunächst ignoriert, der Satz lässt sich Zeit. Und wenn man ihn am wenigsten gebrauchen kann, taucht er wieder auf und sagt: "Hallo, erinnerst du dich noch an mich? Du kannst das doch sowieso nicht alleine, Prinzessin, hm?"

Humoristische Verharmlosung

Wie befreiend es wäre, wenn wir anfangen würden, nachzufragen: Warum hast du mich gerade genau Prinzessin genannt? Ich soll also mit nach unten gezogenen Mundwinkeln durchs Leben gehen, weil mich das seriöser wirken lässt? Wenn wir ein Bier trinken gehen, bringst du dann deine Frau mit? 
Aber niemand, der erst seit ein paar Monaten in einem Team arbeitet, kann es sich leisten, mit solchen Gegenfragen zu antworten. Es wäre ungeschickt. Deswegen müssen wir eine andere Frage stellen: Warum gelten die diskriminierenden Sätze, Handlungen und Gesten, die wir uns anhören müssen, nicht als respektlos, sondern werden von der Gesellschaft akzeptiert, fortgesetzt und humoristisch verharmlost?

Diese Frage muss und kann nur durch Dialog beantwortet werden. Wir müssen aussprechen, was wir aufgrund unseres Alters und unseres Geschlechts jeden Tag erfahren, müssen nicht nur Kolleginnen davon erzählen, sondern auch Kollegen, Freunden, der Familie. Im Jahr 2017 wird viel über Diskriminierung im Silicon Valley oder an Schreibschulen geschrieben. Das ist wichtig, denn Schreiben und Lesen schaffen ein Bewusstsein für Diskriminierung. Im Bewusstsein etwas zu ändern, das schafft nur, wer abseits von Essays und Kommentaren im Netz oder in der Zeitung darüber spricht. So lange und so laut, bis es auch noch im letzten Büro ankommt.