Trump war ja auch im Urlaub, Anfang August. Gerade hatte er seinen Kommunikationsdirektor Scaramucci gefeuert, nach zehn Tagen nur, die schillerndste Figur in seinem an Figuren reichen Kabinett – es hätte ein wenig Ruhe einkehren können. Stattdessen gab und gibt es aber: fire and fury, Feuer und Wahn. Mit diesen Worten drohte Trump Kim Jong Un am 8. August vom Konferenztisch seines Golfclubs in New Jersey aus. Nordkorea werde mit einer "Macht" getroffen werden, "wie sie die Welt noch nicht gesehen hat". "Geladen und entsichert" seien die amerikanischen Waffen, sagte er irgendwann noch – wovor sich übrigens auch Länder wie Venezuela fürchten sollten.

Will Trump die Kubakrise wieder aufführen? Steht die Welt tatsächlich so nah an einem Atomkrieg wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr? Wir wissen es nicht. Und der ganze Aufruhr scheint auch schon wieder von gestern, weil Trump am Ende seiner dritten Ferienwoche auch innenpolitisch eskalierte. In Charlottesville fand der größte rechtsradikale Aufmarsch seit Jahrzehnten statt. Ein Neonazi raste in eine Gruppe von Gegendemonstranten, tötete eine Frau und verletzte 19 andere Menschen. Wenn man sich die Bilder von Vice News dazu anschaut, dann wähnt man Amerika tatsächlich kurz vor dem Bürgerkrieg. Wie so häufig bei Vice wird aus einer Innenperspektive gefilmt, die den Gegenstand bloßstellt, aber auch zu seiner Verherrlichung benutzt werden könnte. Ja, diese Leute hassen Schwarze und Juden, sie sind bewaffnet und organisiert. Genau dieses Bild von sich wollen sie transportieren, um weiter wachsen zu können.

Trump gab mehrere Statements ab, über mehrere Tage verteilt, brachte es letztlich aber nicht über sich, die Rechtsextremen so zu verurteilen, wie es sich für einen Präsidenten gehört. Time, Economist, Spiegel und New Yorker zeigen ihn mit Ku-Klux-Klan- und Nazisymbolen auf den Titelbildern. Die Maske sei nun endgültig gefallen: Trump ist einer, der sich nicht von Neonazis distanzieren will, er ist ein weißer Nationalist, ein Rassist.

Welche Maske setzt er sich als nächstes auf?

Das Überraschendste an diesen Feststellungen ist, wie wenig überraschend sie sind. Es ist ja bekannt und gut dokumentiert, dass sich Trump seit Jahrzehnten immer wieder rassistisch verhalten und geäußert hat (als Arbeitgeber, bei seinen Immobiliendeals, als politischer Agitator und natürlich auch als amtierender Präsident). Trumps Niedertracht braucht nicht mehr entdeckt zu werden. Die Emphase, mit der die Zeitungen nun schreiben, er hätte sich endgültig offenbart (Das wahre Gesicht des Donald Trump, titelte der Spiegel), ist deshalb auch kein Ausdruck von Erkenntnis. Eher zeigt sie unsere hermeneutische Not: Bei der sich ständig überbietenden Performance, die Trump als Wahlkämpfer abgezogen hat und als Präsident weiter abzieht, kommen wir mit unseren Deutungskategorien nicht hinterher.

Die große Frage um Donald Trump ist bisher immer gewesen (und bleibt bis auf Weiteres), welches Gesicht oder welche Mütze er sich als nächstes aufsetzen wird. Den Spitzhut des Ku-Klux-Klan, das straffe Generalsbarett oder doch nur eine schreckliche Clownsmaske? Ist Trump eine Marionette, ein im Grunde planloser Narzisst, der sich zwar nicht beherrschen kann, am Ende aber doch das tun wird, was ihm die gerade einflussreichsten Berater sagen? (Der ultrarechte Steve Bannon ist jetzt rausgeflogen und feuert von Breitbart aus gegen die verbliebenen "globalistischen" Berater: die Generäle, Jared Kushner, Ivanka Trump.) Oder steckt hinter Trumps habituellem Rassismus, hinter seinen Ausfällen und Peinlichkeiten doch ein genuiner Plan, die amerikanische Demokratie zu beenden? Ist er ein armer Trottel oder ein fieser Dämon? Ist er eine krude Mischung aus beidem?

Das Problem bleibt: Wir sind nicht sicher, und seit Trump Präsident ist, kann uns diese Unsicherheit auch nicht mehr egal sein. "Für die meisten Menschen besteht der Luxus einer relativ stabilen Demokratie darin, dass sie die Politik nicht mit nervtötender Konstanz verfolgen müssen", schrieb David Remnik in seiner 100-Tage-Bilanz für den New Yorker, die genug Skandalmaterial für ein politisches Jahrzehnt verzeichnet. "Trump gewährt diesen Luxus nicht." Anders gesagt: Trump bedeutet Stress. Nazimobs, die der Präsident für nicht gefährlicher als linke Gegendemonstranten hält ("auf vielen Seiten" habe es Hass und Gewalt, "schlechte, aber auch gute Menschen" gegeben, sagte er über Charlottesville). Feuer-und-Wahn-Rhetorik nach Außen. Man möchte jetzt kein Koreaner sein und auch kein Afroamerikaner in Charlottesville. Für die alten Verbündeten der USA ist der Stress eher ein mittelbarer, ein Deutungsstress: Wofür steht Trump wirklich und wie ernst müssen wir ihn nehmen? Solange er mit uns nicht fertig ist, sind das Fragen, mit denen wir nicht fertig werden.