Den Touristen vom Mahnmal waren ihre bedenkenlosen Posen plötzlich schrecklich peinlich. Und Twitter hatte den rassistischen Müll, den es zuvor nicht hatte entsorgen wollen, plötzlich vor der eigenen Haustür, wo ihn alle Passanten zu sehen bekamen.

Dunja Hayalis Antwort auf den Facebook-Nutzer Emre hingegen war keine strategisch inszenierte Kampagne, sondern vermutlich eine spontane Reaktion – motiviert durch die rassistischen Anfeindungen, denen sich die Moderatorin seit Jahren im Netz ausgesetzt sieht. Aber auch Hayalis Retourkutsche setzte auf das Schamgefühl: Vor der versammelten Agora der Facebook-Öffentlichkeit sprach sie den Pöbler Emre direkt an, der sich auch prompt reumütig entschuldigte.

Nun ist die Scham ­– das Shaming – beileibe keine neue Strategie, um im Internet auf Skandale und verbale Gewalt zu reagieren. Im Gegenteil, die angeblich hypermoralische Schamhaftigkeit des öffentlichen Diskurses ist es ja, die viele Rechte so aufbringt. Dennoch lässt sich bei Shapira wie bei Hayali etwas beobachten, das in dieser Form bislang selten war: Neu ist nicht die Scham, neu ist gerade die Schamlosigkeit, mit der sich beide gegen die Attacken wehren. Diese neue Schamlosigkeit liegt in der gezielten Provokation mit der #HeyTwitter und Hayali die Sprache der Rechten und Internettrolls zitieren. Shapira holte diese Sprache aus ihrer dunklen Ecke und stellte sie vergrößert auf die Straßen von Hamburg-Altona, Hayali imitierte den vulgären Ton und die abenteuerliche Orthografie der Internet-Hooligans.  

Eine neue "Drecksack-Linke"

Von einer neuen Aggressivität, einer rücksichtsloseren Sprache auf der Seite der Linken ist seit Kurzem auch in den USA vermehrt die Rede. Eine sogenannte dirtbag-left, eine Drecksack-Linke, formiere sich dort gerade. Eine Linke, die angesichts des rhetorischen Erfolgs des Demagogen Donald Trump eine neue Forderung vertritt: Die progressive Seite müsse aufhören, sich in politisch korrekten Sprachspielen zu verlieren. Es könne nicht immer nur um die Minderheiten gehen. Statt Regeln der öffentlichen Rede solle die Linke lieber ein überzeugendes Angebot für die Mehrheit der Wähler formulieren – laut, selbstbewusst und provozierend. Schließlich habe die Rechte genau damit Erfolg gehabt.

Der mimetische Gestus, mit dem Shapira und Hayali die Sprache ihrer Kritiker adaptieren, ist allerdings etwas anderes. Den amerikanischen Brachiallinken geht es um Sprache als Machtoption, um Dominanz und Waffengleichheit im Diskurs. Hayali und Shapira geht es um das Gegenteil, um eine Zivilisierung der öffentlichen Auseinandersetzung: Die Sprache des Hasses wird wieder zu einer Sprache, für die man sich schämen muss.