Es gibt da dieses Video, Melania Trump hat es bei Facebook gepostet. Es zeigt Donald Trump am Lenkrad seines Rolls-Royce, wie er durch die Dunkelheit von Florida gleitet. Sein Sohn Barron auf dem Beifahrersitz, Melania filmend auf dem Rücksitz, aus den Boxen Blank Space von Taylor Swift. Was der heutige US-Präsident von der Sängerin hält, hatte er ja bereits im Jahr 2012 verraten: "Taylor ist großartig!", twitterte Trump damals.

 

Nun kann man sich seine Fans nicht immer aussuchen. Seine Videos aber schon. In Wildest Dreams zum Beispiel erobert Swift mit einem Team von Weißen ein wildes Afrika und bespielt damit Kolonialsehnsüchte. In Shake It Off treten weiße, vornehme Balletttänzerinnen gegen schwarze, ins Lächerliche gezogene Hip-Hop-Tänzerinnen an. Ihre Videos spielen überdeutlich mit Stereotypen – und es gehört zu ihrer ästhetischen Strategie, dass sie das politisch Ambivalente an dieser Symbolik mit professioneller Naivität zu legitimieren versucht. Dass Swift nicht nur von Trump umgarnt, sondern auch von der Naziwebsite Daily Stormer als "arische Göttin" gepriesen wird, kann man ihr sicher nicht direkt anlasten. Wirklich überraschend ist es aber auch nicht.

Jetzt verkauft sich politisches Engagement

Man hätte also davon ausgehen können, dass Swift unter Trump, dem weißesten Präsidenten seit Orange zu Weiß zählt, nochmals an Popularität gewinnt, dass sie sozusagen eine Siegerin des politischen Klimawandels ist. Doch um die 27-jährige Sängerin ist es in den vergangenen sechs Monaten etwas still geworden. Wenige Auftritte, sporadisches Instagram, kaum Interviews.

So still, dass die US-amerikanische Kulturjournalistin Anne Helen Petersen nun sogar in einem Artikel für Buzzfeed das "große Vakuum der weißen Prominenz" postulierte. Dominiert würden die Schlagzeilen 2017 nicht mehr von Swift, Katy Perry, Scarlett Johansson oder Miley Cyrus, sondern von Beyoncé, Rihanna, Serena Williams und Nicki Minaj – also von people of color, ein Begriff, der die ethnischen Minderheiten zusammenfasst. Unterstützung bekam die Buzzfeed-Autorin von der berühmten Hollywoodreporterin Janice Min, die im selben Artikel von einer "kontinuierlichen Erosion traditioneller Starmacht" und den "Folgen eines kulturell geteilten Amerikas" sprach.

Die Erosion traditioneller Starmacht? Das Vakuum der weißen Prominenz? Hat also ausgerechnet der leidenschaftlich rassistische Trump einen Kulturwandel ausgelöst, der die Sichtbarkeit afroamerikanischer und hispanischer Künstler erhöht? "In der Showbranche waren weiße Frauen lange Zeit die Hauptwährung. Doch in unserem politischen und kulturellen Klima ist man zunehmend schlechter beraten, in sie zu investieren", schreibt Petersen. In diesen politisch angespannten Zeiten hätten es weiße Künstler schwer, wenn sie politisches Bewusstsein und Engagement vermissen lassen. Taylor Swift tauge demnach nicht mehr ohne Weiteres als Identifikationsfigur – schon gar nicht für diejenigen, die weder weiß noch heterosexuell, noch dünn, noch reich sind.

Tatsächlich war die Frage nach Swifts politischer Präferenz laut Google Trends eine der dringendsten rund um die Wahl. Doch das american girl schwieg und schwieg, so laut, dass die Spekulationen nach Trumps Sieg nur anschwollen. Journalisten und Kollegen verübelten es dem ehemaligen country girl, dass sie sich nicht öffentlich von dem faschistoiden Manhattanista distanzieren wollte, der ins Weiße Haus einzog.

Sehen wir also mehr nichtweiße Stars im Scheinwerferlicht, weil sie unter Trump besser als politische Vorbilder funktionieren? Wer will, findet Belege für die Prämisse des Buzzfeed-Artikels: So waren von den 16 Personen, die die Vogue auf dem Titel ihrer bisherigen neun Ausgaben dieses Jahres zeigte, nur sechs weiß (seit 2015 steigt der Anteil Nichtweißer sukzessive). Für Aufsehen sorgten außerdem die kürzlich veröffentlichte Vanity-Fair-Ausgabe mit der schwarzen, schwangeren Tennisspielerin Serena Williams auf dem Cover sowie der Vogue-Titel mit Michelle Obama, der direkt nach Trumps Wahl erschien. Mehr Aufmerksamkeit erhielt nur noch die Sängerin Beyoncé während ihrer Instagram-Metamorphose: erst mit Babybauch, später mit Zwillingen auf dem Arm.

Anfang des Jahres gewann der Film Moonlight, der in die Subjektivität afroamerikanischer Männer eintaucht, die Hauptpreise bei den Golden Globes und den Oscars. Ein weiterer Liebling der Kritiker war der Horrorfilm Get Out mit seinem Hauptdarsteller Daniel Kaluuya, der den Rassismus der liberalen Mittelschicht brillant zur Schau stellt. Die US-Charts werden sowieso von people of color dominiert. Unter den bisher acht Nummer-eins-Hits des Jahres 2017 wurde nur einer von einem weißen Künstler eingespielt (Ed Sheerans Shape of You).