Die besten Mangos von Barcelona gibt es in der Boqueria-Markthalle an der Rambla. Noch viele andere Köstlichkeiten finden sich dort – Fisch und Meeresfrüchte, Pilze und Obst, Gewürze und Innereien –, aber ich ging wegen der Mangos hin. Zu Fuß, denn von meiner Wohnung aus sind es nur zehn Minuten, und immer nachmittags, weil es dann nicht so voll ist. Ich überquerte die Rambla, trat in die Halle, vorbei an den Ständen für die Touristen, wo versalzener Schinken und zugeschnittene Früchte verkauft werden, vorbei an den immer überfüllten Restaurants, hinein ins Herz des Marktes, zu den Mangos, die frisch vom Flughafen kamen.

Als ich am Donnerstag von dem Terroranschlag hörte, von dem Lieferwagen, der Dutzende Menschen überrollt hatte, dachte ich sofort, ich hätte einer von ihnen sein können. Gewiss, der Tod kann überall lauern, aber im nächsten Moment fand ich es doch nicht mehr so wahrscheinlich. Vor etwa zwei Jahren habe ich aufgehört, Mangos in der Boqueria zu kaufen. Auf einmal gab es sehr gute in einem Obstladen bei mir um die Ecke, außerdem hatte ich keine große Lust mehr auf die Rambla.

Es ist ja kein Zufall, dass die meisten Opfer des Anschlags Touristen sind: Es ist August, viele Barceloner machen Urlaub, außerdem haben wir Einwohner uns angewöhnt, die Rambla zu meiden. Wir treffen uns zwar noch dort, um die Siege von Barça zu feiern, aber wir gehen dort nicht mehr spazieren wie früher. Heute überqueren wir die Rambla fast nur noch – um vom Barri Gòtic ins Barri Xino zu gehen oder ins Liceu, ins Theater, in die Filmoteca oder zu den Ausstellungen im Centre de Cultura Comtemporània.

"Ein Disneyland"

Wenn die New York Times in diesen Tagen über den Ort des Attentats schreibt, nennt sie ihn "the tourist district". Diese Bezeichnung ist mir neu, aber sie scheint mir berechtigt. Wir Barceloner leben in der Erinnerung an die Rambla von früher: an die Blumenstände, an die Kioske, die die ganze Nacht geöffnet blieben und wo die Zeitung morgens noch warm war, wenn man sie kaufte. Die Rambla war und ist der Teil Barcelonas, der nie schläft, immer bereit, dich auf Abwege zu führen und dich mit einem seiner Geheimnisse zu überraschen.

Als sich die Stadt, teils ausgelöst durch die Wirtschaftskrise in Spanien, in den gigantischen Touristenrummel verwandelte, der sie heute ist, mit jeden Tag zigtausend Besuchern, die durch die Luft, zu Lande und zu Wasser kommen (die Plage der Kreuzfahrtschiffe!), da war die Rambla das erste Opfer. "Sie ist ein Disneyland geworden", sagten wir. "Wer will denn sieben Euro für ein Bier zahlen und Tiefkühlpaella essen?", sagten wir.

Jetzt aber spielt diese Entfremdung von der Rambla für uns keine Rolle mehr. Ich glaube nicht, dass es die Terroristen auf die Tourismusbranche abgesehen hatten – so wie Minuten nach dem Anschlag in einer Reuters-Meldung gemutmaßt wurde. Ebenso wenig glaube ich, dass der spanisch-katalanische Konflikt eine Rolle spielte – also das von der katalanischen Regierung für den 1. Oktober geplante und von der spanischen Regierung verweigerte Selbstbestimmungsreferendum –, wie ein böswilliger Kolumnist in Madrid unterstellte.

Wir hätten zu den Opfern zählen können

Nein, ich glaube, die Terroristen wollten die Symbolkraft eines Ortes ausnutzen, der allen gehört, den die berühmtesten Musiker in ihren Lieder verewigt haben, der millionenfach fotografiert worden ist. Oben der Canaletes-Brunnen, in der Mitte das Miró-Mosaik, unten das Kolumbus-Denkmal. Durch die Rambla führten die ersten Massenkundgebungen nach dem Ende der Diktatur, als es um Freiheit und Amnestie für die politischen Gefangenen des Franco-Regimes ging. Die Rambla ist es, die George Orwell in Mein Katalonien dutzendfach als Schauplatz des Spanischen Bürgerkriegs schildert, und der Lieferwagen der Terroristen raste auch am früheren Café Moka vorbei, heute ein Restaurant, wo sich damals die republikanische Guàrdia d'Assalt verschanzt hatte.

Kaum zu fassen, wie leicht es den Attentätern fiel, ihr Fahrzeug auf die überfüllte Rambla zu steuern, mit Vollgas im Slalom durch die Menge zu fahren, 13 Menschen zu töten und über 100 zu verletzen. Uns vorzustellen, wie es geschah, ist wiederum leicht. Wir sind ja alle dort gewesen. Wir hätten alle zu den Opfern zählen können.

Am Morgen nach dem Anschlag war es vielen von uns Barcelonern ein Bedürfnis, auf die Rambla zurückzukehren und den Unschuldigen die Ehre zu erweisen, die dort ihr Leben lassen mussten. Und wer weiß, vielleicht fangen wir auf diese Weise wieder an, zu spüren, wie sehr die Rambla zu uns gehört. Vielleicht fangen wir wieder an, das alte, uns so eigene Verb zu verwenden: ramblejar. Trinken wieder das Wasser aus dem Canaletes-Brunnen. Spazieren wieder die Rambla hinunter, bis zum Kolumbus-Denkmal. Nehmen uns Zeit für einen Suís im Cafè de l'Òpera. Alles, was nötig ist, damit die Fundamentalisten und Extremisten begreifen, dass wir keine Angst haben. Dass die Rambla weiter uns gehört – allen, die in friedlicher Absicht hierherkommen.

Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer