Ich bin auf der Suche nach Heldinnen. Nach vielfältigen weiblichen Vorbildern. Ich tappte und tappe immer wieder im Dunkeln, weil das Angebot mir zu klein und zu uniform erscheint. Ich hatte bisher die Wahl zwischen der Heiligen Jungfrau Maria, Jeanne d'Arc und der ohnmächtigen Prinzessin mit rosa Schleife.

Weil mich keines dieser Modelle zufriedenstellte, waren meine Stunden immer dann einsam und voller Zweifel, wenn ich vor Herausforderungen stand. Früher dachte ich, dass das Geschlecht bei Helden irrelevant sei. Schließlich faszinierten mich als Kind die Geschichten von Tom Sawyer und Oliver Twist, obwohl die Helden Jungen waren. Was ich damals übersah, verstand ich später als erwachsene Frau. Als ich kurz vor meinem 30. Geburtstag mit existenziellen Fragen konfrontiert wurde wie: "Kann ich ohne Kinder leben? Wie vereinbare ich einen anspruchsvollen Job mit privatem Glück? Brauche ich einen Mann an meiner Seite, um glücklich zu sein? Wie möchte ich leben?", fühlte ich mich sehr alleingelassen. Helden sind wichtig in Zeiten der Krise, wenn man nicht weiterweiß, wenn der Horizont verstopft ist. Man braucht Orientierung, Ermutigung und Kraft. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst auf die Suche zu machen.

Heldentum gehört zum gesellschaftlichen Diskurs, es spiegelt die Werte einer Gesellschaft. Daher können sich seine Merkmale je nach Epoche und Ort sehr unterscheiden. Trotzdem finden sich quer durch die Zeiten einige Gemeinsamkeiten: Der Held erhebt sich über die Niederungen seiner menschlichen Existenz, er besitzt Charisma, hat oft einen magischen oder göttlichen Ursprung, sprengt Normen, oft mit Hilfe von Gewalt. Meist befindet er sich weit weg von zu Hause. Alles Qualifizierungen, die sich bis ins 20. Jahrhundert nur schwer mit den Lebensbedingungen von Frauen vereinbaren ließen. Und die Frauen, die in der Vergangenheit außerordentlich gelebt und gehandelt haben, sind heute meist in Vergessenheit geraten. Das beweist etwa der amerikanische Film Hidden Figures, der die Geschichte von drei Nasa-Mathematikerinnen erzählt.

Cécile Calla, 1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde" und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Als Herausgeberin entwickelt sie "Medusa", eine neue Zeitschrift für Frauen, die sich mit Politik, Gesellschaft, Kultur und Feminismus auseinandersetzt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Seit einiger Zeit werden uns in Filmen, Büchern und in der durch die sozialen Medien vermittelten Realität durchaus aufregende weibliche Vorbilder vorgestellt. Sehr inspirierend finde ich zum Beispiel das Leben der vor Kurzem verstorbenen iranischen Mathematikerin Maryam Mirzakhani. Die gebürtige Teheranerin entdeckte früh ihre Leidenschaft für Mathematik und setzte sich durch, obwohl sie in einem Land aufwuchs, das Frauen wenige Rechte zugesteht. Sie promovierte in Harvard und gewann als erste Frau die berühmte Fields-Medaille für herausragende Entdeckungen in der Mathematik. Mit nur vierzig Jahren starb sie viel zu früh.

Unter dem französischen Suchwort héroines werde ich an eine 2005 entstandene Fotoserie von Bettina Rheims erinnert, die fünfzig Frauen in den neuen Kreationen der Pariser Haute Couture ablichtete und als Heldinnen feierte, weil ihre Haut ohne Schminke und Nachbearbeitung zu sehen ist, mit kleinen Flecken, Pickeln, Behaarung. Dass Frauen den Alterungsprozess an ihrem Körper verewigen lassen, macht also Heldinnen aus ihnen? Es zeigt vor allem, dass, selbst wenn Frauen sich von hergebrachten Rollen und Bildern zu distanzieren versuchen, sie sich oft weiter in den Denkmustern des Patriarchats bewegen.

Eine Frau, die ich als Heldin sehen kann, ist die vor Kurzem verstorbene französische Politikerin Simone Veil. Ich stehe da nicht alleine in Frankreich, denn auf den Druck der Öffentlichkeit hin hat der französische Präsident Emmanuel Macron Anfang Juli entschieden, sie im Pantheon, dem republikanischen Tempel, der die Helden der Nation ehrt, mit ihrem Ehemann beizusetzen. Die Shoah-Überlebende und Mutter von drei Kindern engagierte sich für Frauenrechte. Als Gesundheitsministerin ließ sie gegen große Widerstände das erste Gesetz für die Legalisierung der Abtreibung in Frankreich 1975 verabschieden. Ihr Feminismus beruhte nicht auf der Meinung, dass Frauen etwas Besseres seien oder dass ein Kampf zwischen den Geschlechtern nötig sei, sondern auf humanistischen Überzeugungen. Sie war überzeugt, dass Frauen etwas wichtiges Anderes einbringen können, und dass dieser Unterschied, "dieser Reichtum", die Forderung nach ihrer Gleichberechtigung in den Machtsphären rechtfertigt.

Für mich ist Simone Veil aber auch deshalb vorbildlich, weil sie sich nicht auf ein Thema, einen Kampf oder eine Kategorie reduzieren ließ, weil sie immer weit blickte und mehrere Perspektiven einnehmen konnte. Sie wird die fünfte Frau sein, die auf dem Pariser Hügel Sainte-Geneviève eine Ruhestätte bekommt, neben 72 Männern.