So gesehen ist der Dieselskandal nicht bloß wegen seiner Folgen für die Umwelt ein Problem, sondern er ist auch die Bestätigung all jener, die immer schon gewusst haben wollen, dass die Verbraucher von anonymen Konzernen systematisch betrogen werden. Womit sie in diesem Fall ja tatsächlich Recht hätten. Und der Autopurist fährt inzwischen längst Oldtimer, unter dem behaglichen Verdeck der Nostalgie, und erzählt die Verlustgeschichte von glücklicheren Zeiten des Automobils, als Sommer noch Sommer waren und Winter noch Winter, als noch Schätze im Silbersee lagen und ein Zauberspruch in Autodeutschland genügte, damit alles ordentlich und ohne geistig-moralischen Mehraufwand zuging: "Widerrechtlich geparkte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt."

In der Autostadt Wolfsburg gehört so jemand ins Museum, ins "Zeithaus", wo er den kühlköpfigen Modernismus von damals bestaunen kann, "die Avantgardisten", die "klassischen Formalisten" des Autodesigns. Die anderen bestellen unterdessen die VW-Bratwurst mit Curryfeinstaub im Restaurant Tachometer, 4,9 von 5 Punkten bei Google, und das sind mehr Punkte als, wie kürzlich in der Welt zu lesen war, das Pariser Café de Flore (3,8) erreichte, wo Sartre angeblich den Existenzialismus erfand – dass nämlich der Mensch ein Wesen ist, "das das ist, was es nicht ist". Demnach wäre, salopp gesagt, der Deutsche auch keines seiner Autos. Kein Volkswagen, kein BMW, kein Porsche, kein Mercedes. Und zu gekränktem Stolz böte sich dann auch kein Anlass.

Was wäre die Welt ohne Verbrennungsmotoren?

Und wenn es stimmen sollte, was sich die Grünen im Bekanntenkreis so erzählen: Dass das eigene stinkende, umweltzerstörende Benzinauto ein Modell der Vergangenheit sei. Dass es besser sei, sich beim Carsharing mit E-Autos anzumelden, obwohl man ständig die Plastikbecher mit den Smoothie-Resten des Vormieters wegräumen muss. Vielleicht blieben dann dem einst engagierten Autofahrer zwar noch Sorgen wegen der Berichte über den Verfall der Exportnation (Symbolbild Containerhafen) und damit auch der Rente (Symbolbild alte Menschen auf einer Bank), aber auch diese Kosten sind rasch wieder eingefahren, mit dem Zug, dem E-Roller, mit dem Fahrrad, auf dem man bald umso rechthaberischer Fußgänger wegklingelt. Dann blieben noch die traurigen Gedanken übrig an die verblassenden Kulturtechniken, die es nur auf deutschen Autobahnen gibt, wie der vorwurfsvolle Seitenblick beim Überholen.

Und vielleicht wäre eine verbrennungsmotorfreie Welt auch eine Gegend, die an Poesie verlöre. Mit dem Kohlenmonoxid verschwände auch die Lyrik der Autotests in Fachmagazinen, die ein vernunftbetriebener Elektro-VW-up gar nicht entfesseln könnte: "Sauger", die "keuchen, brabbeln und fauchen", "Insassen durchprügeln" mit "pochenden Quattro-Herzen" und deren "Aero-Elemente" "willig sind" bis "9.000 Umdrehungen". Aber vielleicht fällt auch Autopoeten dann etwas Neues ein, vielleicht sogar hier in der Autostadt, die ja, das sagt eine Hostess auf Nachfrage, die "Fantasie anregen" solle. Wenn es eine leichte Gedankenübung ist, sich die Vorstände deutscher Autokonzerne auf der weißen Blasenhüpfburg vorzustellen, wie sie damals ihren Coup gefeiert haben, dann kommt man hier auch auf ganz andere Ideen.

Zum Diesel. Zum Mythos. Den Deutschen. Dem Auto.

Und so neigt sich der Tag. Letzte Besucher tragen Tüten vom Designer-Outlet gegenüber in ihre Kombis und fahren wieder weit weg in die Doppelgaragen, aus denen sie gekommen waren, irgendwo in Deutschland, dem Wolfsburger Sonnenuntergang entgegen, der keineswegs schwächer glüht als ein Braunschweiger Sonnenuntergang oder der in Salzgitter. Die Nacht über Niedersachsen, die Rehe träumen im Gebüsch von schwach befahrenen Landstraßen, ein Uhu schreit an einer Ladestation und irgendwo, tief im Wald, nah am Harz, auf Wegen, die wir nur mit Allrad beherrschen können, wartet bestimmt ein einsamer Amarok auf seine erste Probefahrt.