ZEIT ONLINE: Wir Medien berichten also zu stigmatisierend über die Themen der AfD?

Emmer: Ich denke, schon. Diese Stigmatisierungen sind Strategien, die man vielleicht am Anfang einsetzen kann, wenn so eine rechtspopulistische Bewegung noch klein ist. Also zu sagen: Wir grenzen die aus. Wir versuchen der Öffentlichkeit zu kommunizieren, dass man sich von so einer Bewegung fernhalten soll. Aber über dieses Stadium sind wir mit der AfD längst hinaus. Irgendwann muss man sich mit den konkreten Forderungen und Aussagen nüchtern auseinandersetzen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Emmer: Ich erinnere mich an die alte Debatte, als die Tagesschau-Sprecherin Eva Herman die Familienpolitik der Nazis gelobt und bedauert hat, dass das heute nicht mehr wahrgenommen werde. Und da ist genau das passiert: Sie wurde sofort als Verharmloserin des Nationalsozialismus ausgestoßen und rausgeworfen. Keiner hat den Menschen aber erklärt, was denn eigentlich das Problem mit der angeblich so positiven Familienpolitik der Nazis war. 

Wenn man sich die rassistische NS-Ideologie ansieht, dann könnte man das sehr genau zeigen. Aber das hat in den Medien kaum eine Rolle gespielt. Die Debatte bewegte sich sofort auf einer moralischen Abwehrebene, in der man sagt: Das war eine Verharmlosung des Nazi-Regimes. Was es ja auch war. Aber viele Menschen verstehen diese abstrakte Ebene nicht. Die wollen klar gesagt bekommen, wo das Problem ist. Diese abwehrende Kommunikationsform führt dazu, dass sich viele Leute sagen: Na ja, bestimmte Wahrheiten darf man eben nicht mehr äußern.

ZEIT ONLINE: Und dann finden sie im Internet alternative Kanäle und sehen dort die Wahrheit repräsentiert …

Emmer: Genau. Zu so etwas kommt es dann eben. Vor 20 Jahren fiel es den durchaus intelligenten, wohlmeinenden Menschen in den Medien leicht, unangenehme, heikle Themen von den Rezipienten fernzuhalten, sicher mit den besten Absichten. Man musste über Heikles nicht diskutieren, weil man darüber einfach nicht berichtet hat. Und all die heimlichen Rechtspopulisten hatten keine Möglichkeit, sich an eine breite Öffentlichkeit zu wenden. Das hat sich mit der Digitalisierung und den ganzen Möglichkeiten des Internets radikal geändert. Man kann solche Äußerungen nicht mehr ausblenden und sieht sie jeden Tag in den sozialen Netzwerken. Mit dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz scheint die Politik die Zeit zurückdrehen zu wollen, indem sie etwa Facebook dazu zwingen will, all diese unangenehmen Meinungen zu löschen. Meiner Ansicht nach löst das die Probleme nicht.

ZEIT ONLINE: Man muss sich also stärker mit rechtspopulistischen Positionen auseinandersetzen?

Emmer: Ich denke, schon. Das heißt ja nicht, dass man Rassismus tolerieren oder rassistische Politik machen soll, um bestimmte Wähler zu befriedigen. Hinter rassistischen Aussagen und Positionen stecken sehr oft ganz andere Probleme, ganz grundsätzliche Verunsicherungen. Daher sehe ich Hassdebatten im Internet auch als Chance. Denn jetzt sieht die Gesellschaft mal die Frustrationen, die sie jahrzehntelang halb erfolgreich ignoriert hat.

ZEIT ONLINE: Sind Sie optimistisch, dass die gesamte Gesellschaft zurück zu einem Diskurs kommt? Sind die AfD-Wähler als Gesprächspartner überhaupt noch erreichbar?

Emmer: Sicher sind viele darunter, die man nicht mehr zurückgewinnt. Manche Leute haben sich so versponnen in ihren Verschwörungstheorien, dass sie eher ein Fall für eine Psychotherapie sind. Wir als Menschen der öffentlichen Kommunikation sollten jetzt genau sortieren: Wo haben wir es mit Leuten zu tun, an die wir nicht mehr herankommen, mit denen man nicht mehr reden kann? Und wo hat man es mit Leuten zu tun, die einfach verunsichert sind, und die man doch noch erreichen kann? Das ist nicht leicht. Aber ich denke, genau das ist eine der zentralen Aufgaben für die Gegenwart.

ZEIT ONLINE: Es gibt ja diesen Vorwurf, die Medien seien zu linksliberal. Fehlt es an konservativen Stimmen, die auch mal kritisch über die Flüchtlingsfrage berichten?

Emmer: Das ist eine schwierige Frage. Bei aller Forderung nach kritischer Berichterstattung kann ja niemand fordern, dass Medien rassistische Positionen ernsthaft in ihre Berichterstattung aufnehmen sollten. Oder rassistische Kommentare zu Flüchtlingen publizieren. Da gibt es Grenzen, die man nicht überschreiten darf. Außerdem kann man ja den Medien nicht vorwerfen, dass sie kritische Fragen zur Flüchtlingsfrage vermieden hätten. Es kann durchaus sein, dass die Medien manchmal bestimmten Themenaspekten aus dem Weg gehen. 

Ich denke, es geht sowieso nicht um rechts und links. Viel bedenklicher ist, dass Journalisten eine zu homogene Gruppe sind. Die meisten Journalisten – ich bilde die auch aus und kenne viele von ihnen – sind Kinder aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen. Da muss man lange suchen, bis man jemanden findet, der aus Ostsachsen kommt oder aus einer Arbeitslosenfamilie, oder der eine alkoholabhängige alleinerziehende Mutter hat. Bestimmte Milieus werden in unseren Hochschulen und damit auch im Journalismus viel zu wenig abgebildet. Man kann versuchen, sich noch so gut hineinzudenken in den Rand der Gesellschaft, und viele Journalisten machen das auch – aber auf manche Problemfelder schaut man trotzdem wie ein Außenstehender, man hat einen anderen Blick als die Betroffenen. Das halte ich für das größere Problem.