Was tun mit diesem Virus, der Millionen Mitbürger ohne große Not befallen hat? Die Wissenschaftler kamen mit ihren Analysen, aber sie kamen auch dieses Mal zu spät. Weil die gründliche Untersuchung immer länger braucht als die Niedertracht.

Den AfD-Wählern geht es nicht um Rente und schnelleres Internet. Also auch, aber deshalb wählen sie nicht Rechtsaußen. Diese Leute wittern einen Kulturkampf, den sie selbst anzetteln. Die anderen sind vor allem die im Land befindlichen Gastarbeiter aus der Türkei, dann die Geflohenen, dann die Genderwahnsinnigen und so weiter.

Dass Alexander Gauland am Wahlabend in der Anne-Will-Talkrunde sein Statement damit begann, zu versichern, dass man unter dem Begriff "Volk" auch jene Migranten mit Staatsbürgerschaft verstehe, ließ sich nicht anders deuten, als dass natürlich das Gegenteil stimmt. Welcher außer Rand und Band schreiende Demonstrant, der sich vor einer "Umvolkung" fürchtet, unterscheidet denn ernsthaft zwischen einem Deutschtürken aus Gelsenkirchen und einem Geflohenen aus Homs? Nicht einmal Gauland tut es, entgegen all seiner Versicherungen, weshalb er Aydan Özoğuz nicht einfach im Bundestag entsorgen wollte, wo sie ja doch am häufigsten anzutreffen ist, sondern in Anatolien. Warum? Weil sie (und Millionen andere Gastarbeiter und Nachfahren) in den Augen vieler Deutscher eben doch nicht hierher gehören.

Die Frage ist, ob man irgendetwas gewinnt, wenn man wieder von vorn anfängt. Also in den Schulen erklärt, was ein Rassist ist, wo es beginnt. Das Grundproblem scheint ein anderes zu sein. Das Verhältnis zwischen Gastarbeitern, Westdeutschen und ehemaligen DDR-Bürgern muss ein für alle Mal geklärt werden. Denn die AfD agitierte im Rechtsaußenbereich schon herum, bevor die Syrer kamen.    

Das Gegengewicht fehlt

Das neue Feindbild ist "der Islam". Wenn es der Islamismus wäre, dann wäre es kein Problem. Denn davor fürchten sich auch die Deutschtürken. Es geht aber darum, dass die Gastarbeiter permanent, mal offener, mal latenter, diskreditiert werden. Wenn es nicht so wäre, hätten nämlich auch endlich alle Deutschtürken mitwählen dürfen. Nur mal so als Zahl dazwischengeworfen: In einem Bundesland wie Bayern, dass unter den westdeutschen Bundesländern den stärksten Zuwachs an AfD-Wählern hat, hatten zehn Prozent der Bürger im wahlberechtigten Alter keine Stimme. Dieses Gegengewicht fehlt. Es fehlt immer. In jedem Bundesland und zu jeder Wahl. Wenn man sozialdemokratischen, linksgesinnten Deutschtürken seit mehr als 50 Jahren kein Wahlrecht gibt, rechtsnationalistisch gesinnte Russlanddeutsche zu Millionen sofort mitwählen durften, liest sich der Slogan "Zeit für mehr Gerechtigkeit" noch einmal anders.

Nun ist man wieder damit beschäftigt, herauszufinden, was den Deutschen eigentlich fehlt. Woran es krankt. Was genau der Mangel ist. Doch vielleicht müsste man beginnen, sich dafür zu interessieren, wovon es zu viel hat? Nämlich zu viel Ideologie, die in dem Versprechen, "endlich unser Land und unser Volk zurückholen" ganz gut beschrieben ist.

Diese Grundsehnsucht nach völkischer Homogenität scheint allen historischen Erfahrungen zum Trotz nie ganz an Attraktivität verloren zu haben. Auf diese Ideologie kann man nicht allein mit Kitaplätzen und Rentenkonzept antworten. Auf Ideologie muss man reagieren, indem man gewissermaßen erst einmal "mit sich selbst" ins Reine kommt. Was verstehen wir unter Menschenrechten? Was bedeutet das Asylrecht? Ab wann ist uns unser Rassismus peinlich? Und überhaupt, was verstehen wir eigentlich darunter? Man muss aus einer Politik der Denunziation eine Politik der aufgeklärten Gespräche machen. Mit Bildung. Eindeutig in der Ansprache, mit klaren rhetorischen Grenzen, mit Würde und mit Witz. Mit Abscheu gegen Lügen und gefälschte Statistiken und mit einem geradezu warmherzigen Interesse am Menschen, egal wer er ist und woher er kommt. Und dennoch, es bleibt für den Moment: "Nie wieder" war einmal.