Alexander Gauland hat dies jüngst in einem Interview mit den YouTube-Format Jung und Naiv bestätigt. Auf die Frage nach seinem Menschenbild antwortete der AfD-Spitzenkandidat, dass dieses ein "skeptisch-konservatives" sei, weshalb er dafür plädiere, die "Unvollkommenheiten des Menschen" in der Politik immer zu berücksichtigen. Deswegen sei alles gut, "was den Menschen einhege". So weit die Übereinstimmung.

Das Problem ist nur: Mit diesem Menschenbild kann man weder für Volksabstimmungen sein, was die AfD zu einer nicht verhandelbaren Kernforderung erhoben hat, und erst recht keine Bewegungspartei bilden. Spätestens mit der De-facto-Demontage von Frauke Petry, die innerhalb der Partei für die baldige Koalitionsfähigkeit warb, hat sich die AfD aber zu so einer Bewegungspartei entwickelt. Sie hat damit den Weg eingeschlagen, den Björn Höcke in seiner viel zitierten Dresdner Rede im Januar 2017 vorgegeben hatte. "Um ihren historischen Auftrag nicht zu verraten", sagte der thüringische Fraktionsvorsitzende, "muss die AfD Bewegungspartei bleiben." Nur dann könne am Ende der "vollständige Sieg" stehen.

Wie stark sich die Partei, die sich auf ihrer Website "in der Tradition der beiden Revolutionen von 1848 und 1989" wähnt, mittlerweile diesem radikaloppositionellen Bewegungsgedanken verschrieben hat, tritt im aktuellen Wahlkampf zutage: Einer der zentralen Slogans lautet "Hol dir dein Land zurück!", und er erinnert nicht nur an die "Fremd-im-eigenen-Land"-Formel der NPD, sondern beschwört auch in aktivistischer Rhetorik die Rückwälzung der Verhältnisse. Es ist derselbe sprachliche Kniff wie in Donald Trumps "Make America great again" oder im "Take back control" der Brexit-Kampagne: Die Revolte, eigentlich der Feind des konservativen Denkens, wird dadurch legitimiert, dass lediglich ein Ausgangszustand wiederhergestellt werden soll.  

Chronische Hysterie

Wie diese Rhetorik Machtfantasien entfesselt, lässt sich bereits im Kleinen erkennen. Als Alice Weidel die besagte Talkshow verließ, twitterte Markus Frohnmaier, Weidels Sprecher und Bundesvorsitzender der Jungen Alternative, ein Bild, auf dem seine Chefin der Moderatorin Marietta Slomka einen verächtlichen Blick zuwirft. Darauf geschrieben: "Am 24.09. mache ich dich arbeitslos, Mäuschen." Im Vergleich zum Fall Holger Arppe nimmt sich das allerdings noch recht harmlos aus. Der Schweriner Landtagsabgeordnete trat jüngst aus der Partei aus, weil Chatprotokolle von ihm aufgetaucht waren, die von Mord- und Vergewaltigungsfantasien politischer Gegner strotzten.

In der Natur einer politischen Bewegung (und als solche begreift sich die AfD zunehmend) liegt die Angst vor dem Stillstand. Deshalb muss die Bewegung andauernd stimuliert werden. Auch bei Donald Trump lässt sich dies erkennen, der Monate nach seiner Vereidigung als US-Präsident so agiert, als befände er sich noch im Wahlkampf. Statt um die Einhegung, wie es das konservative Denken will, dreht sich alles um die fortlaufende Mobilisierung von Menschen. Das wiederum geht letztlich nur mit einer Strategie der permanenten Eskalation. 

Zu dieser Strategie gehört die chronische Hysterie. Mit diesem Begriff muss man vorsichtig sein, da historisch oft das als hysterisch galt, was nicht den herrschenden Normen entsprach. Im Fall des Daueralarmismus der AfD passt er allerdings ziemlich gut, wenn man die konzise Definition von Peter Sloterdijk veranschlagt. Dieser hatte in seinen Tagebüchern vermerkt: "Hysteriker sind auf der Suche nach einem Herrn, um ihn tyrannisieren zu können."

Das beschreibt die Methode der Rechtspopulisten recht genau. Das Entscheidende an ihnen ist ja gar nicht, dass sie, wie oft bemerkt wird, "nur" einfache Lösungen anböten, sondern, dass sie einfache, bisweilen aus Verschwörungstheorien hergeleitete Ursachen präsentieren. Komplexe gesellschaftspolitische Problemlagen werden entweder auf einen Urheber im Kollektivsingular zusammengezurrt, "das Establishment", "die Politik" oder "die Presse", oder Einzelpersonen angelastet, allen voran Angela Merkel oder Heiko Maas. So wollte Alice Weidel die Bundeskanzlerin jüngst vor einem "ordentlichen Gericht" sehen, wobei sie offenließ, weshalb genau.