Auch anderen Parteien ist derlei Komplexitätsreduktion nicht fremd, zumal in Wahlkampfzeiten. Im Fall der AfD bildet sie jedoch ihren Wesenskern. Zur Dialektik der Partei gehört, dass sie einerseits Höcke'sche Machtfantasien vom "vollständigen Sieg" generiert, sich andererseits in die Opferrolle imaginiert. Ob "Gender-Diktatur", "Öko-Taliban", "Lügenpresse", "EUdssr" oder omnipräsente "Stasi-Methoden": Der fiktive Tyrann ist im rechtspopulistischen Imaginären stets so übermächtig wie totalitär. Diese Art des politischen Sadomasochismus, der lustvollen Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Herrschaft, dient eben dazu, das Ganze repräsentieren zu können, also für die vermeintlich "schweigende Mehrheit" oder "das Volk" zu sprechen und zugleich eine Rhetorik des Widerstands zu kultivieren. Zu diesem Zweck kann es von einer Sache nie genug geben: Feinde. Und die sind im rechtspopulistischen Milieu relativ austauschbar.

Der Historiker Volker Weiß hat in seinem Buch Die autoritäre Revolte geschrieben, dass es bei Pegida ursprünglich Pläne gab, sich "Pegada" zu nennen, da die Amerikanisierung eine ebenso große Gefahr darstelle, wie die Islamisierung. Eine ähnlich willkürliche Feindesbestimmung zeigt sich auch im intellektuellen Kunststück der AfD: zu behaupten, Frauenrechte gegen den Islam zu verteidigen, um im nächsten Moment den Feminismus zu geißeln. Innerhalb der Logik der Partei ist dies allerdings insofern folgerichtig, als die AfD ja weniger über programmatische Forderungen funktioniert, sondern sich als Bewegung versteht, die aggressive Affekte lizenziert und legitimiert. Die implizite Botschaft der rassistischen Ausfälle und Tabubrüche lautet: Guckt her, ihr anderen könnt das auch endlich einmal sagen. Und vor allem: Am Ende kommt man damit durch! Man sitzt sogar in der nächsten Talkshow vor einem Millionenpublikum.   

Die AfD zeichnet sich schließlich auch durch eine Rochade im nationalistischen Denken aus. Dieses war zwar schon immer mit der Beschwörung von Bedrohungen verbunden, aber es stellt auch die vermeintliche Großartigkeit des Eigenen heraus – woraus sich der Vorwurf an Linke ableitet,  diese redeten die Nation "klein" oder "mies". 

Deutschland, ein failed state?

Bis zu einem gewissen Grad hat sich das im Falle der AfD paradoxerweise umgedreht. Während auf abstrakter Ebene die deutsche Kultur und Geschichte (recht vage) gepriesen werden, gibt es auf konkreter Ebene keine Partei, die der Bundesrepublik so wenig zutraut wie die AfD. Folgte man deren Rhetorik seit der Flüchtlingskrise, müsste man annehmen, Deutschland wäre momentan nicht das relativ reichste und politisch einflussreichste Land Europas, sondern ein failed state, der kurz vor dem Bürgerkrieg steht.    

Wer als Demokrat mit den Provokationen der AfD umgehen will, sollte sich zunächst vielleicht von der Vorstellung verabschieden, dass man ihr durch bloßes, auch noch so kritisch gemeintes Beschweigen beikäme. Es stimmt zwar, dass man nicht über jedes Stöckchen springen sollte, dass die Partei einem hinhält, was etwa heißt, dass man kalkulierten Opferinszenierungen wie Weidels Talkshow-Abgang idealerweise keine Resonanz geben sollte. Aber abgesehen davon, dass die AfD mit ihrer Kernanhängerschaft längst direkt über soziale Netzwerke kommuniziert, wo sie die mit Abstand reichweitenstärkste Partei ist, sind die inhaltlichen Tabubrüche eben nicht einfach nur medienpolitische Strategie zur Aufmerksamkeitsmaximierung, sondern Teil einer immanenten Eskalationsdynamik zur Ausweitung der politischen Kampfzone.

Und diese wird nicht durch kritische gemeinte Indifferenz gestoppt, sondern durch kollektive Gegenrede –  und ja, auch durch richtig verstandene Skandalisierung. Wenn Alexander Gauland etwa eine in Hamburg geborene Deutsche in "Anatolien entsorgen" will, ist das nämlich eine Form des offenen Rassismus, der in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nicht skandalisiert werden kann. Grundsätzlich besteht die soziale Funktion des Skandals, das bemerkte der Soziologe Karl-Otto Hondrich in seinem Essay Enthüllung und Entrüstung, darin, gesellschaftliche Moralvorstellungen zu stabilisieren. Indem die Entrüstung, so Hondrich, "die fortschreitende Unmoral anprangert, fördert sie den Fortschritt der Moral. Sie ist Bestandteil moralischer Regeneration – wie der Skandal insgesamt im Dienste der moralischen Gefühle steht." 

Es kommt auf die Qualität der Empörung an

Das Entscheidende dabei ist nur, dass Skandale auch vollendet werden, also moralische Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Wenn AfD-Vertreter jedoch nach jeder Provokation wieder im TV-Studio sitzen, um ihre "kontroversen Aussagen" mit gespielter Naivität zu verteidigen, verkehrt das die soziale Funktion des Skandals ins Gegenteil. Er wird zum medialen Durchlauferhitzer, ohne dass er irgendwelche Folgen hätte.

Das heißt in der Konsequenz: Die Frage im Umgang mit der AfD ist zum einen weniger, ob man sich prinzipiell über deren Provokationen empören sollte oder nicht, sondern wann genau. Und zwar lediglich dann, wenn es sich um Versuche moralischer Grenzverschiebungen handelt, aber nicht, wenn es sich um kalkulierte Opferinszenierungen geht. Zum zweiten kommt es aber auch auf die Qualität der Empörung an. Also darauf, ob sie lediglich der medialen Verwertungslogik folgt, oder auch tatsächliche Konsequenzen hat. Konkret hieße das, dass man die AfD nicht so behandeln sollte, als wäre sie eine normale, konservative Partei. Denn es stimmt zwar: Ein Teil ihrer Anhänger wählt sie gerade deshalb, weil sie sehr klar sehen, dass sie dies nicht ist. Ein anderer Teil jedoch, weil er diese nach wie vor für eine normale, konservative Partei hält. Und das ist für die hiesige Demokratie vielleicht sogar das noch größere Problem.