Der Verdruss wächst. Der Verdruss über fehlende Gesprächstiefe im Bundestagswahlkampf, Verdruss über Diskussionen, deren Niveau sich knapp über dem Wissensstand der neunten Klasse halten, Verdruss auch über ein begrenztes sprachliches Repertoire, über einen Überfluss an Vereinfachung.

Manche glauben wirklich, je schmaler ihr Tortenstück im Diagramm wird, desto flacher muss es werden. Weil angeblich "die da draußen nicht mehr verstehen, worüber hier gerade gestritten wird". Die Semantik hat sich ohnehin schon verschoben. Von der Auseinandersetzung im Sinne von These und Antithese hin zu einer Sprache, die bislang in Werbekampagnen verortet war. Es wird weichgezeichnet, geschnulzt, ein Schmierfilm ausgekippt. Es gibt aber tatsächlich noch Leute in diesem Land, die drei Sachverhalte in eine innere Ordnung bringen können.

Wenn eine relativ große Gruppe von Wählern sich mit ihrer Entscheidung bis Sonntagmittag Zeit lassen möchte, heißt das nicht, dass diese Bürger nicht wissen, was sie sich für ihr Leben wünschen – das wissen sie sicher ganz genau – sondern bedeutet, dass sie sich nicht sicher sind, wen sie wählen müssen, damit die Lücke zwischen ihrem Wählerwillen und dem Parteiprogramm möglichst klein ausfällt. Die Programme lesen sich bisweilen wie die Zutatenliste von Instantbrühwürfeln: Man weiß nie, was sich dahinter wirklich verbirgt.

Es gab einmal keinen Mangel

Intuitiv begreift jeder Mensch, dass Deutschland schon lange nicht mehr das Land ist, in dem die Mehrheit unabhängig vom Einkommen "gut und gerne" lebt, wie es die CDU so hübsch claimt. Solche Zeiten gab es zumindest in Westdeutschland wirklich einmal. Das war noch vor dem Fall der Mauer. Wo das Kind eines Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängers genauso wie das Kind eines Richters oder einer Krankenschwester auf Klassenfahrt gehen konnte und jahreszeitengerechte Kleidung trug. Die einen wurden mit Schiesser und Benetton eingekleidet, die anderen bekamen Kniehosen und Pullis von Ernstings Familiy. Es war eine Welt, die sich materiell nur dadurch unterschied, dass für das eine Kind mehr und das andere Kind finanziell weniger ausgegeben wurde, aber es gab keinen Mangel. Keinen Mangel an Brillen, an Zahnspangen, an Fahrrädern, und der Mitgliedsbeitrag für die Sportvereine war lächerlich gering. Überhaupt Sportvereine, so etwas gab es flächendeckend, genauso wie Kinder-Sommerprogramme, ja, es war das Paradies, indem sozioökonomisch Schwache den Lebensstil der Mittelschicht lebten. Das war bevor Kinder von Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsamt für Bildungschipkarten vorsprechen mussten und eine Familienministerin (damals Ursula von der Leyen) in Talkshows zu Wahlkampfzwecken dafür warb, dass Unternehmen diesen Kindern Nachhilfe und Gitarrenstunden spendieren sollen. Ist was bekannt? Hat Tchibo Musikunterricht bezahlt? Hat Nordsee Freibad-Sommerspaß veranstaltet?

Geblieben ist nur der Eindruck eines unfassbaren Peinlichkeitsgefühls, dass Deutschland das Land ist, das sich nach außen als Bildungsexporteur und Schulenbauer sieht, und nach innen Anträge für "Bildungszeitkonten" und "Teilhabepakete" in Arbeitsagenturen ausfüllen lässt, wo dann die Kinderlein brav auf die "Bescheide" für "Einzelbewilligung" warten müssen, weil der "Bildungsträger" die "Einzelabrechnung" noch nicht verschickt hat, und sie derweil aus den "Bedarfen" rausgewachsen sind und neue "Bedarfe anmelden". Oh, Mann, Deutschland, du und deine Bedarfe!

Früher ging man in jeder westdeutschen Stadt ins Rathaus, holte sich das Heftlein für das Sommerprogramm, und wenn die Kinder Probleme in der Schule hatten, brachten die Lehrer den Eltern persönlich die Freizeitangebote der örtlichen Stadtbücherei mit (die früher übrigens tagesaktuell mit kostenlosen Zeitungen und Zeitschriften ausgestattet waren, wo Rentner gemütlich ihre Vormittage verbrachten) oder den Wochentagesplan für die Schülernachhilfe.

Dankbar erinnert man sich, weil man ganz kurz in dieses Paradies hineinschnuppern durfte und erfuhr, wie das geht: soziale Marktwirtschaft und Bildungsgerechtigkeit, danke, Willy, für immer! Okay, diese Welt gibt es nicht mehr. Schade eigentlich, dass die Politiker keine Rechenschaft darüber ablegen müssen, denn die meisten von ihnen sind aufgrund ihrer langjährigen Parteizugehörigkeit und Dienstkarrieren verantwortlich dafür, dass das, was ein Leben reich macht an Erfahrung und Eindrücken (Schwimmbad, Eisdiele, Sozialwohnung mit Blick ins Grüne, Volkshochschule, Kino und Sommertheater), nach und nach verkauft, privatisiert und geschlossen wurde. Diese Politiker sitzen heute in den Talkshows und leiden unter heftiger Amnesie, denn sie versuchen tatsächlich, die Globalisierung aufzuhalten und menschlich zu gestalten, wo sie es doch nicht einmal schafften, das wertvolle Geld in einer Kommune nicht für wahnwitzige Investitionen oder Anlagegeschäfte auf den Kopf zu hauen. Ja, auch das hat man längst durch. Schon vergessen, wie viele Kommunen mit fragwürdigen geldgierigen Investmentgeschäften Geld verbrannten?