Genau diese weidelsche Logik der Ignoranz macht in der westlichen Welt aktuell Schule: Wenn die polnische Opposition im Parlament fundamentale Verletzungen der Rechtsstaatlichkeit durch die Regierungspartei anprangert, liest Jarosław Kaczyński ostentativ Zeitung; wenn Trump von Journalisten kritische Fragen gestellt bekommt, bricht er Interviews ab. Wenn die AfD an Talkshowrunden teilnimmt, tauscht sie nicht Meinungen aus, sondern nutzt die Gelegenheit, das Fundament der Meinungsfreiheit – nämlich unser Grundgesetz – anzuzweifeln. Würde sich diese Streitlogik in allen Gesellschaftsbereichen durchsetzen – und Wolfgang Bosbachs Abgang aus einer TV-Runde zeigt, dass selbst die demokratische Mitte davor nicht gefeit ist –, dann wäre dies das Ende der westlichen Demokratie.

So besehen sollte man die Vorteile der großkoalitionären Kompromissbereitschaft anerkennen, die sich wahlkampfpsychologisch im Gefühl der Langeweile spiegelt. Denn Langeweile ist nicht nur das Produkt von Stillstand, sondern auch von Sachlichkeit, dem Fundament also, auf dem der deutsche Parlamentarismus fußt. Man könnte sagen: Die – ziemlich öde – Stabilität der Bundesrepublik ist ein Nebeneffekt des im 18. Jahrhundert elaborierten deutschen Mittelwegs, der vorsieht, Leidenschaft und Vernunft in ein Gleichgewicht zu bringen. Als höchstes Ziel erscheint der Zustand einer Entspannung, wie Walter Benjamin sie definierte: "Wenn der Schlaf der Höhepunkt der körperlichen Entspannung ist, so die Langeweile der geistigen. Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn."

Besonders 2017 muss man also Verständnis zeigen für den Versuch einer gelassenen Wahlkampfführung und vielleicht sogar besonderen Respekt dafür aufbringen, dass ausgerechnet Herausforderer Schulz – anders als vielleicht einige Politiker der Linkspartei und alle Politiker der AfD – am Stabilitätskonzept der Bundesrepublik festhält, indem er die drängendste aller Fragen, nämlich die Frage nach dem Umgang mit den Flüchtlingen, nicht zu Propagandazwecken ausschlachtet, wie etwa Donald Trump oder Jarosław Kaczyński es getan haben. Wie matt und platt und wenig links Schulz auch sein mag: In der Flüchtlingsfrage handelt er richtig, indem er die Gemeinsamkeit zwischen sich und der Kanzlerin betont und damit das Risiko eingeht, wichtige Differenzierungskriterien zu verspielen. Seine Konsensfähigkeit in dieser Frage ist zwar langweilig, aber eben auch verantwortungsbewusst.

Spektakulär ist die Demokratie nicht, aber dafür effizient

Es möchte ja niemand bestreiten, dass es einer Demokratie schadet, wenn sie brenzlige Debatten unterdrückt, nur weil sie sich vor einem eruptiven Hervorbrechen gesellschaftlicher Widersprüche scheut. Schon Freud hat in seiner Konflikttheorie zum Ausdruck gebracht, dass die Verdrängung von Unmut und Aggression negative Gefühle nicht beseitigt, sondern lediglich nach innen verschiebt. Langfristig verwandeln sich die unterdrückten Gefühle in notorische Störungen und drohen umso gewaltvoller hervorzubrechen. Daher kann man es bedauern, wenn nicht sogar für gefährlich erachten, wenn die zwei größten Parteien in Deutschland nicht imstande sind, den Wählern den Unterschied ihrer Positionen zu erklären. Doch das heißt nicht, dass es diese Unterschiede nicht gibt. Sie werden in den Debatten bloß nicht klar genug herausgearbeitet. Und das hat auch mit Verfehlungen des Journalismus zu tun.

Es will ja keiner leugnen: Der Dialog zwischen CDU und SPD basiert auf jener sachlichen Monotonie, die vier Jahre lang in der großen Koalition geprobt und bis zur Ermüdung praktiziert wurde. Es stimmt, dass diese Sachlichkeit die Entfaltung radikaler Reformen verhindert. Auf der anderen Seite muss man aber anerkennen, dass diese Sachlichkeit – gerade in gesellschaftlichen Krisenzeiten – zu Stabilität führt. Nicht umsonst hat bereits der Soziologe Niklas Luhmann, der Apologet des kühlen Nachdenkens, in seinen Werken gerade die Versachlichung des Politischen als einen zivilisatorischen Vorsprung der deutschen Nachkriegsgeschichte gewertet.

Vielleicht muss man sich seine Thesen noch mal in Erinnerung rufen, um den Wert einer enthemmten Streitkultur nicht zu überhöhen. Luhmann schrieb, dass die versachlichte Politik das Vorbild- und Reflexionsmodell für die Handlungen eines gezähmten Bürgers ist, der sich in Kompromissbereitschaft übt. Diesem Staatsbürger wird zugemutet, bei "Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen nicht Schaufenster einzuschlagen, sondern Verwaltungsgerichtsprozesse zu führen, nicht als Mob, sondern als Wähler aufzutreten – und das heißt immer: zu warten." Spektakulär ist das nicht.

Es ist nun mal aber das Wesen unserer Demokratie, nicht besonders spektakulär – und auch ein bisschen langweilig zu sein. Vielleicht ist es ja nicht das schlechteste Modell.