Im konservativen Denken und Sprechen ist in den vergangenen Jahren ein Vakuum entstanden. Die Sozialdemokratisierung der CDU unter Angela Merkel hat bei nicht wenigen Konservativen ein Gefühl von Heimatlosigkeit erzeugt. Der klassische konservative Intellektuelle ist publizistisch unter Rechtfertigungsdruck geraten. Nicht zuletzt deshalb, weil im öffentlichen Diskurs und auch von vielen Medien kaum mehr differenziert wird zwischen Zuschreibungen wie konservativ, rechtskonservativ, rechtsradikal, faschistisch oder gar nationalsozialistisch. Dem klassischen Konservativen eröffnen sich, vereinfacht gesagt, nur zwei Möglichkeiten, diskursiven Anschluss zu finden: zum Proletentum zu konvertieren oder zu schweigen.

Angela Merkel mit Lorbeerkranz: das Cover des Magazins "Cato" © Cato Verlag

Cato will einen anderen Weg eröffnen. Das neue Magazin, das alle zwei Monate in einer Auflage von 50.000 Exemplaren erscheinen soll, erhebt den Anspruch, bürgerlich-konservatives Gedankengut ganz und gar hooliganfrei und intellektuell fundiert aufzuarbeiten. Magazin für neue Sachlichkeit nennt sich die rund 100 Seiten starke Publikation im Untertitel. Und das Cover der ersten Ausgabe macht klar, dass sich hier auch der pensionierte Altphilologe wohlfühlen soll: Es zeigt eine stilisierte Statue von Angela Merkel, die einen Lorbeerkranz auf dem Kopf trägt. Unterzeile: "Wenn alle wählen, was keiner will." Nun ja. Zeitschriften müssen eben verkauft werden. Cato hat einen stolzen Preis. Sechs Euro kostet die erste Ausgabe, ab der dritten Ausgabe will der Verlag den Preis verdoppeln.

Benannt ist das Magazin nach dem 95 vor Christus geborenen Marcus Porcius Cato, genannt der Jüngere; der konservative Politiker forderte eine Rückbesinnung auf die klassischen römischen Werte und Ideale. Eine der lesenswertesten und klügsten Texte der Cato-Erstausgabe handelt dann auch von ihrem Namensgeber. Unter dem Titel Catos Tragik diagnostiziert der belgische Historiker David Engels den schleichenden Verfall der späten Republik als Resultat eines tief greifenden Werteverlusts. Er zieht dabei Parallelen zu den europäischen Nationalstaaten der Gegenwart: Wie seinerzeit, schreibt Engels, sei auch heute trotz der Bedrohung durch Arbeitslosigkeit und anderer Herausforderungen kaum ein Wille zur Reform zu erkennen.

Verteidigung des umstrittenen Buchs "Finis Germania"

Cato, so schreibt der Chefredakteur Andreas Lombard im Editorial, "war in Europa seit je ein Sinnbild der Integrität und des Stolzes auf die Tradition, aus der Staat und Volk leben. Daran knüpfen wir an. Was wir brauchen, sind verlässliche Wegweiser sowie ein größeres Bewußtsein für die Knappheit geistiger und materieller Bestände." In seinem einführenden Text bemüht Lombard – in alter Rechtschreibung – einige unheilvoll dräuende und ziemlich platte Behauptungen ("Zensur und Propaganda sollen die aufkommende Unruhe im Keim ersticken"), formuliert aber auch elegant ein paar Spitzen gegen eine Politik, deren Auswirkungen seiner Ansicht nach erst rückblickend als verheerend betrachtet werden: "Insbesondere den Deutschen ging es noch recht gut, aber der Wohlstand verbarg ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal wie eine Maske." Doch im gleichen Absatz heißt es auch: "Wider besseres Wissen fügten sie sich einer Kanzlerin, deren brüske Politik manche als eine späte Rache der DDR an der Bundesrepublik deuteten."

Lombard ist studierter Philosoph und Literaturwissenschaftler, bis 2013 publizierte er unter dem Namen Andreas Krause Landt als freier Journalist. 2005 gründete er den Landt Verlag, der später ein Imprint der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung wurde, die Lombard ab 2013 leitete. Im Landt Verlag, das sieht man an einer Verlagsanzeige in Cato, wird demnächst die Gesamtausgabe des umstrittenen 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle erscheinen. Dessen posthum erschienenes Werk Finis Germania hatte zuletzt für Kontroversen gesorgt. Im redaktionellen Teil von Cato verteidigt der Chefredakteur Lombard den Autor in recht aggressivem Ton gegen seine Kritiker.

Vordenker der Neuen Rechten hat wichtigen Einfluss

Der Initiator von "Cato", Karlheinz Weißmann (li.), und der Chefredakteur Andreas Lombard bei der Vorstellung des Magazins in Berlin © Cato Verlag

Lombard verleiht seinem Magazin – das ist nicht nur im Editorial zu erkennen – einen Tonfall, der geeignet ist, sämtliche Zielgruppen vom unzufriedenen Bildungsbürger bis zum verschwörungstheoretisch angehauchten Rechtsaußen zufrieden zu stellen. So liest sich etwa Karlheinz Weißmanns Reportage aus Großbritannien, das sich im Angesicht des Brexit vor allem nach seiner glanzvollen Vergangenheit sehnt, zunächst durchaus interessant. Bis sie nach etwa fünf Seiten urplötzlich abbricht und in eine Generalabrechnung mit den angeblichen deutschen Luxusproblemen wie "Kinderrechten, Gender, Multikulturalismus" mündet. Bebildert ist der Text mit der Dragqueen Olivia Jones, die während der Wahl des Bundespräsidenten zwischen den Abgeordneten im Deutschen Bundestag sitzt.

Weißmann ist, das sollte man vor der Lektüre wissen, einer der bekanntesten Vertreter der Neuen Rechten in Deutschland. Er schreibt unter anderem für die rechtskonservativen Zeitung Junge Freiheit und ist Mitbegründer des rechten Verlags Antaios sowie der Zeitschrift Sezession. Bis zu einem Streit über die Haltung zur AfD 2014 leitete er gemeinsam mit Götz Kubitschek das Institut für Staatspolitik, die als Denkfabrik der neuen Rechten gilt. Bei Cato fungiert Weißmann nicht nur als Autor, er hat das Blatt mit initiiert. Im Impressum steht, das Magazin werde "unter ständiger Mitarbeit von Dr. Karlheinz Weißmann" erscheinen. Der Autor wird also maßgeblichen Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung von Cato haben.

Zu den weiteren Autoren der Erstausgabe, die ausschließlich aus mittelalten bis alten Männern besteht, zählt Nicolaus Fest. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Bild am Sonntag und AfD-Direktkandidat für die Bundestagswahl im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf geißelt in seinem Beitrag die "Lügenpresse". Wäre dieser Text in seiner Wutbürger-Floskelhaftigkeit nicht ebenso langweilig wie unfreiwillig komisch, wäre er ein guter Grund, das ganze Heft an die Wand zu werfen. 

Manchmal auch klug, überraschend und instruktiv

Auf der anderen Seite gibt es aber auch durchaus interessante Lesestücke in Cato wie etwa einen Schwerpunkt über die Zukunft der Architektur. Der Architekt und Modernismuskritiker Léon Krier spricht in einem ausführlichen Interview über das Berliner Stadtschloss und den Zusammenhang zwischen Architektur und Demokratie am Beispiel des Regierungsviertels. In einem weiteren Text befasst sich der britische Philosoph und Schriftsteller Sir Roger Scruton mit der von Prinz Charles initiierten Mustersiedlung Poundbury im südenglischen Dorset, die er als Beispiel für einen humanen Städtebaus würdigt. An solchen Stellen zeigt Cato, dass konservatives, auch rechtskonservatives Denken klug, überraschend und instruktiv sein kann. Und dass nicht jeder antiurbane, antizivilisatorische oder antimoderne Reflex per se böse sein muss.

Trotzdem fragt man sich, wer das Magazin letztendlich lesen und vor allem kaufen soll: Ob sich der gemäßigte Konservative, der auf der Suche nach einer publizistischen Heimat ist, in den diversen Deutschland- und Europa-Untergangsfantasien wiederfindet, ist fraglich. Und wer den larmoyant aufheulenden Ton der "Wir werden zensiert"- oder "In Deutschland herrscht keine Meinungsfreiheit"-Schreier sucht, findet genügend kostenlose Beiträge in den einschlägigen Internetforen. Ein neues Magazin braucht es dafür nicht.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Andreas Lombard habe bis 2013 unter seinem bürgerlichen Namen Andreas Krause Landt gearbeitet. Dies erweckte den Eindruck, dass es sich bei Lombard um einen Künstlernamen handelt. Tatsächlich ist es der Name seines leiblichen Vaters.