Hugh Hefner hatte bereits vor seinem Tod ein Leben, wie sich manche nur das Paradies vorstellen können. Er lebte in einer riesigen Villa mit mehreren Pools und künstlichen Wasserfällen, verbrachte die Tage in exquisiten Seidenpyjamas und ließ sich von den allerhübschesten Frauen umschmeicheln. Das Schönste an diesem Realität gewordenen Traum mag für Hefner gewesen sein: Er hatte ihn sich selbst erschaffen.

Dabei hatte ihn nichts an seiner Herkunft für diese Extravaganz prädestiniert. Er war der Sohn eines Ehepaars aus Nebraska, das in Chicago als Buchhalter und Lehrerin arbeitete und das Hefner in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN als "konservativ, middlewestern und katholisch" beschrieb. Nachdem er im Krieg für eine Zeitschrift der Armee geschrieben hatte, studierte Hefner in Illinois Psychologie und kreatives Schreiben, wurde Journalist und Werbetexter in seiner Heimatstadt Chicago, arbeitete für das Lifestyle-Magazin Esquire – bis man ihm eine Gehaltserhöhung verweigerte und er beschloss, sein eigenes Magazin zu gründen: den Playboy. Wofür ihm seine Mutter 1.000 Dollar lieh.

Im Dezember 1953 kam das erste Heft raus. 44 Seiten für 50 Cent und mit einem inzwischen legendären Centerfold von Marilyn Monroe. Das Starlett posiert darauf nackt, mit durchgedrücktem Rücken, zurückgebogenem Arm, halbgeschlossenen Lidern und offenem Mund. Binnen kurzer Zeit waren 53.000 Stück verkauft.

So wie Coca-Cola

Hefners Plan schien aufzugehen, seinen Landsleuten dabei zu helfen, nach der entbehrungsreichen Nachkriegszeit sowohl einen neuen Lifestyle als auch Haltung zu entwickeln. "Staatsangelegenheiten werden nicht zu unseren Themen gehören", schrieb er in seinem Editorial. "Wir erwarten nicht, die Probleme der Welt zu lösen oder große moralische Wahrheiten zu belegen. Wenn wir es schaffen, dem amerikanischen Mann ein paar Extra-Lacher und ein wenig Ablenkung von den Ängsten vor der atomaren Bedrohung zu schenken, haben wir wohl unsere Existenz gerechtfertigt."

Ganz gegen seine Art war das eine grandiose Untertreibung.

Schon von der zweiten Ausgabe im März 1954 an fand Hefner jenen perfekten eklektischen Mix, mit dem er den Playboy zu einer kulturellen Größe machte, die ähnlich wie Coca-Cola Teil der amerikanischen Kultur wurde und bald ebenso global.

In dieser Ausgabe brachte Hefner den ersten von drei Teilen des dystopischen Romans Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, der ein flammendes Statement gegen staatliche Zensur und die McCarthy-Ära war. Ihm folgten Texte von Ian Fleming und Wladimir Nabokow und noch später von Haruki Murakami und Margaret Atwood. Hefner hatte ein ausgezeichnetes Gespür für literarische Texte und dafür, was Männer gerne lesen.

Oder anschauen. Der Playboy druckte auch gerne Cartoons wie die des begnadeten Zeichners Harvey Kurtzman, der davor bereits für das Satiremagazin MAD gearbeitet hatte und für den Playboy die meist nackt herumflitzende Annie Fanny erfand.

... und natürlich die Frauen

Achja, schöne Frauen zeigte der Playboy auch. Für jede Nummer wurde eine in besonders prächtigem Technicolor inszeniert. Hefner engagierte dafür die besten Fotografen und so entstanden über die Jahre Bilder von wenig bekleideten Frauen, die mehr über den Wandel des Images der Frau sagen als manch kluger Essay. Wie viel wurde gezeigt? Was verhüllt? Die Wahl der Perspektive, also unseres Blicks auf die Frau, spiegelte gleichzeitig geltende Schönheitsvorstellungen wie sie gängige Moralvorstellungen immer ein Stückchen weiter aufschubsten.

Es wäre schlicht falsch, dem Playboy ein eindimensionales Frauenbild zu unterstellen. Frauen nehmen dort auch starke Posen ein und nicht immer nur die des waidwunden Rehs. Hefner kuratierte Nacktheit. Das sieht man nicht erst, wenn man die Inszenierungen des Playboys in den sechziger, siebziger Jahren mit Bildern von Nacktheit vergleicht, die heute das Internet unansehnlich machen. Und wie ein wahrer Kurator für Kunst war Hefner gut, weil er es mit Sachverstand und Hingabe tat. Die Frauen auf seinen Bildern legten, wenn man so will, immer einen manikürten Finger an den Puls des amerikanischen Mannes.

Der "Playboy" ist heute nur noch Nostalgie

Frauen im Bunny-Look – die Taille schmal, die Brüste hochgedrückt, das Haar lang, ebenso die Beine – mögen Hefners Favoritinnen gewesen sein, als Herausgeber wollte er eine weit größere Vielfalt zeigen. Das sollte man nicht vergessen, wenn man als moderne Frau das Herrenmagazin furchtbar findet. Natürlich zeigte der Playboy Männerfantasien, Tagträume, er bildete Stereotypen und Klischees nach. Doch Hefner rüttelte mit vielen Bildern auch an den überkommenen Moralvorstellungen der Amerikaner. Die sexuelle Revolution der siebziger Jahre wäre ohne den Playboy an den amerikanischen Kiosken nicht so umwerfend gewesen.

"Nur Kontroversen können Dinge verändern", sagte Hefner in einem Interview, das die oscarprämierte Dokumentarfilmerin Brigitte Bergman 2010 in ihrem Film Hugh Hefner: Playboy, Activist and Rebell wiedergibt. Darin ist auch zu sehen, dass er diese Haltung nicht nur auf Frauenbilder bezog.

Im März 1965 war zum ersten Mal eine dunkelhäutige Frau, Jennifer Jackson, Playmate des Monats. Nur zwei Ausgaben davor hatte der Playboy eines der längsten Interviews abgedruckt, dass Martin Luther King jemals gegeben hatte. Darin sagt der junge Nobelpreisträger nicht nur den rückblickend mörderisch wahren Satz: "That America today is an extremely sick nation, and that something could well happen to me at any time." Sondern King sagt auch diesen Satz über Gewaltlosigkeit, den sich heute noch Männer hinter die Ohren schreiben können: "A strong man must be militant as well as moderate. He must be a realist as well as an idealist. If I am to merit the trust invested in me by some of my race, I must be both of these things."

Ein bisschen Gott, ein bisschen Teufel

Vier Jahre später, kurz vor Kings Ermordung, im Januar 1969 erschien noch einmal – zwischen Leslie Bianchini, Zeichnungen asiatischer Liebesakrobatik und Werbung für Schlitz-Beer – ein Text von ihm: A Testament of Hope. Ganz entgegen seiner eigenen Ankündigung bot Hefner im Playboy über viele Jahre sehr wohl auch eine politische Haltung, indem er dort Artikel und Interviews abdruckte von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Frank Sinatra, Malcolm X, John Lennon, Bob Dylan, Fidel Castro und der Prinzessin Grace von Monaco. 1967 beschrieb der Ökonom und Präsidentenberater John Kenneth Galbraith unter dem Titel Resolving our Vietnam Predicament einen Weg aus dem Krieg in Vietnam, acht Jahre bevor die amerikanischen Truppen tatsächlich das Land verließen. Und im Juni 1974 veröffentlichte der Playboy das Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward über deren Enthüllung der Watergate-Affäre.

Natürlich hat der Playboy diese Rolle seit Langem abgegeben. Heute erscheinen solche journalistischen Perlen im New Yorker und der pulsierende Lifestyle im Esquire. Den Playboy muss man heute nicht mehr lesen, nicht mal mehr durchblättern. Er ist nur noch Nostalgie. Hefner hatte sich schon Ende der achtziger Jahre nach einem Schlaganfall stark aus dem Geschäft seines Unternehmens zurückgezogen. Doch es gab die Zeit, in der sich Frauen darüber echauffierten, wie er gleichzeitig für den Teufel und für Gott arbeiten könne. Nun, vermutlich weil er selbst ein bisschen von beidem in sich hatte.

Am 27. September starb Hugh Hefner im Alter von 91 Jahren. Ein trauriger Tag. Nicht nur für echte Männer und falsche Häschen.

Liebe Leserinnen und Leser, im Kommentarbereich dieses Artikels wollen wir Ihnen mit einem Kondolenzbuch die Möglichkeit geben, Ihre Erinnerungen und Gedanken an den Verstorbenen zu teilen. Die Wahrung der Pietät ist uns bei Todesfällen wichtig, weswegen alle Kommentare vor der Veröffentlichung geprüft werden.