Es ist nicht eindeutig festzustellen, wie dramatisch diese Entwicklung tatsächlich ist. Schwer, hier dem eigenen Wirklichkeitsgefühl zu trauen, in einem Klima der Polemik, wo alles, was Gender, Sexualität oder Migration betrifft als "Aufregerthema" überproportional medial ausgewalzt wird. Genauso wie jeder letzten studentischen Campus-Idiotie zu Mikroaggressionen oder dergleichen übergroße und feindselige Aufmerksamkeit zuteil wird.
Vielleicht folgt es irgendeiner Metaphysik der gesellschaftlichen Balance, oder auch nur banal der Logik der polemischen Verkürzung durch die sozialen Medien, dass sich der radikalisierenden rechts-konservativen Seite gegenüber mittlerweile auch im progressiven Milieu eine habituelle Haltung der Entrüstung und eine Enthemmung des Tonfalls breitgemacht haben. Und eine ganze Bandbreite von unguten Gefühlen – die Empörung, die Beleidung, die Schuld und die Schuldzuweisung. Aber es ist schwer zu verstehen, was dadurch gewonnen ist, dass sich jeder einer Hermeneutik des Verdachts ausgesetzt sieht.
Mit Blick auf diejenigen, die sich keiner
Minderheit zurechnen können (also beispielsweise weiße
heterosexuelle Männer), ist verständlich, dass die ständige
Identitätszuweisung zu einer üblen
hegemonialen Herrschaftsgruppe persönlich liebenswerten und
individuell unschuldigen Menschen Unbehagen bereitet. Niemand will
gerne um den Kopf geschlagen bekommen, dass sein aufrichtiges
Interesse an der Herkunft des anderen diskriminierend sei. Oder dass,
wenn er etwas Nettes über die Schönheit von Alleen und Frauen dichtet, sich die Alleen dadurch irgendwie herabgewürdigt fühlen
könnten (oder waren es die Frauen?).
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist kein Kompliment
Es kann kaum bestritten werden, dass
Identitätspolitik historisch sehr sinnvoll gewesen ist, dass sie
politische Erfolge verbucht und unsere Gesellschaft verändert hat. Als politische Strategie kann sie nach wie
vor wirksam sein. Der politische
Zusammenschluss von Menschen, die nicht unbedingt viel anderes
verbinden muss, um unter einem spezifischen
Identitätsmerkmal wie "schwarz", "schwul"
oder "weiblich" Diskriminierungen zu bekämpfen und Rechte einzufordern – das Wahlrecht beispielsweise, oder das Recht auf
Abtreibung –, ist sinnvoll. Besonders dann, wenn das allgemeine
Gerechtigkeitsgefühl dafür zu träge ist. Auch so etwas
Grundlegendes wie die Forderung nach gleicher Bezahlung für gleiche
Arbeit,
wird anscheinend nicht automatisch von den bestehenden
gesellschaftlichen Kräften hin zum Guten durchgesetzt, sondern
bedarf auch 2017 noch einer entschiedenen
identitätspolitischen Lobbyarbeit.
Die polemische Unterstellung ist leicht zu entkräften, dass es sich bei "Identitätspolitik" im wesentlichen um abgehobene Anerkennungsbedürfnisse von ohnehin privilegierten akademischen und urbanen Minderheiten-Milieus handele, denen man die handfesten ökonomischen Probleme der klassischen Arbeiterschicht entgegenstellen müsse. Der Kampf um Frauen-, Homosexuellen- und Transsexuellen-Rechte erschöpft sich nicht in Gender-Unterstrichen und Toilettenbeschriftungen, sondern handelt natürlich genauso handfest von rechtlichen und ökonomischen Dingen. Die "Ehe für alle" ist ein juristisches Institut, nicht eine Respektbezeugung; gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist eine wirtschaftliche Frage, nicht ein Kompliment.
Kommentare
"Alte, weiße, heterosexuelle Männer, beispielsweise. Oder schlichtweg Männer. Oder Deutsche ohne Migrationshintergrund. Jene also, die bis vor kurzem als Norm galten und sich seit einiger Zeit im Selbstgefühl untergraben fühlen, weil es Gruppen gibt, die auf rechtliche Gleichstellung und wirtschaftliche Inklusion bestehen, Frauen, Schwulen, Migranten, People of Color und so weiter. "
Ach, nur das Selbstgefühl wird untergraben? Oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Gruppe aktiv diskriminiert wird, aber immer noch weit überwiegend diejenigen sind, die den ganzen Zirkus hier aufrechterhalten?
Wo werden Männer denn neuerdings diskriminiert? Trotz Frauenquote sind Führungsetagen noch immer männlich. Wo werden Männer denn sonst noch diskriminiert?
Schlussrunde: Alle wollen plötzlich AfD sein
Im Fernduell streiten sich SPD-Gabriel und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann , wer der beste AfDler ist. http://www.faz.net/aktuel... Gestern bei Hart aber Fair sah es nicht anders aus. Die eingeladene Weidel durfte süffisant über die Streitereien der etablierten Parteivertreter lächeln.
Sie bekam sogar viel zuspruch von Cem Özdimir, wenn auch indirekt - auch von den (ex?)-Flüchtling der mit am Tisch saß. Das war schön anzusehen. Nikolaus Blume am Tisch (BILD Redakteur) lief sogar immer in offene Messer hinein bei dem Versuch reißerische Antworten zu provozieren.
hier die sendung von gestern:
https://www.youtube.com/w...
Identitätspolitik war und ist DAS Erkennungszeichen der Rechten - Wir und Die.
Jetzt wildern die Linken in dem Thema und wundern sich das es ihnen um die Ohren fliegt - indem sie genau die Gruppen betonen, die eine internationalistische altmodische Linke überwinden wollte.
"Alle Arbeiter weltweit" war früher, jetzt ist es "Arbeiter mit Migrationshintergrund" und "Arbeiter aus Afrika" "Arbeiter aus Afrika muslimischen Glaubens" - das erleichtert den Rechten die Arbeit. Sie brauchen dann gar nicht mehr zu spalten.
Teile und Hersche - das ist ein Konzept der Könige, Diktatoren und damit der Rechten.
Entschuldigung aber das Rechts/Links Schema ist das eigentliche Teile, und Herrschen
Andere geben ihr die Schuld am Aufstieg der AfD.
Also man kann der Identitätspolitik ja viel unterstellen, aber das Erstarken der AfD geht zu ganz großen Teilen auf das Konto der Union, die unter Kanzlerin Merkel ganz offensiv versucht auch in eher linkem Wählerklientel auf stimmenfang zu gehen und dabei den eher rechten Wähler vernachlässigt hat, da sie diesen sicher glaubte. Dass sich dieses Vakuum irgendwann mit etwas unangenehmem füllen würde, war nur eine Frage der Zeit.
Ohne Merkels Flüchtlingspolitik 2015 wäre die AfD da, wo die Piraten sind.