Die Berliner Volksbühne unter ihrem neuen Intendanten Chris Dercon hat es wirklich nicht leicht. Seit bekannt wurde, dass Dercon in dieser Spielzeit die Nachfolge Frank Castorfs antreten soll, hatten die Freunde der alten Volksbühne ihn mit bis dahin unvorstellbaren Hetztiraden und Boykottdrohungen bedacht. Nach seinen ersten, durchweg positiv aufgenommenen Premieren in diesem Monat schien die Stimmung in der Stadt sich zu seinen Gunsten zu wenden.

Schon muss er jedoch die nächste große Pleite hinnehmen: Das erste Popkonzert, das unter Dercons Regie am 6. Oktober in der neuen Volksbühnen-Spielstätte im ehemaligen Flughafen Tempelhof abgehalten werden sollte, fällt auch gleich wieder aus. Die britische Rapperin und Literatin Kate Tempest, die mit Chor- und Orchesterbegleitung ihr letztes Konzeptalbum Let Them Eat Chaos aufführen wollte, sagte am Mittwoch ab: Wegen des geplanten Konzerts habe sie "Drohungen" in E-Mails und den sozialen Medien erhalten. In dieser "aggressiven Atmosphäre", erklärte ihr Management, sei ein Auftritt für sie unmöglich.

Tempest wurde freilich nicht deswegen bedroht, weil sie für den mancherorts immer noch unbeliebten Chris Dercon auftreten wollte – vielmehr wurde sie in den genannten Kommentaren des Antisemitismus bezichtigt; auch forderte man die Volksbühne auf, einer Antisemitin wie ihr keinen Raum für ein Konzert zu geben.

Boykotte gegen Israel

Nun ist Kate Tempest nicht nur eine großartig virtuose Rapperin, sondern auch eine Meisterin des Sozialrealismus und der Sozialkritik; sie hat gegen Gentrifizierung, den Kapitalismus im Allgemeinen und den Brexit im Besonderen Stellung bezogen. Mit antisemitischen Äußerungen oder gar Liedtexten ist sie bisher nicht aufgefallen. Allerdings – und darin liegt das Problem – hat sie vor zwei Jahren eine Petition der Gruppe Artists for Palestine unterzeichnet, die britische Künstler dazu auffordert, nicht in Israel aufzutreten. Deren bekanntester Protagonist ist der ehemalige Pink-Floyd-Bassist Roger Waters, der seit Jahren schon jeden Musiker, der etwa ein Konzert in Tel Aviv geben möchte, mit kräftigen Shitstorms überzieht. Kürzlich gerieten Radiohead in sein Visier, die zwar trotz Attacken von Roger Waters in Tel Aviv spielten, aber die gegen sie entfachte Kampagne als "zermürbende Erfahrung" bezeichneten. 

Artists for Palestine wiederum sind verschwistert mit der propalästinensischen Initiative BDS (Boycott, Divestment and Sanctions). Diese betrachtet Israel als Apartheidstaat, dessen Existenzrecht sie bestreitet; ihr Ziel ist der vollständige Boykott Israels nach dem Vorbild der Anti-Apartheid-Boykotte gegen Südafrika in den Achtzigerjahren. Bisher war die Organisation vor allem in den USA und in Großbritannien tätig; sie rief zum Boykott von Kulturveranstaltungen auf, an denen der Staat Israel beteiligt ist, oder auch zum Boykott von Wirtschaftsunternehmen, die in Israel produzieren lassen oder auch nur Güter dorthin verkaufen.

In Deutschland war BDS bisher weniger aktiv und nicht so bekannt. Ihren ersten größeren Auftritt hatte die Organisation vor einigen Wochen im August, als sie eine Reihe von arabischen und europäischen Musikern dazu brachte, das Berliner Pop-Kultur-Festival zu boykottieren. Grund dafür war der Auftritt einer israelischen Musikerin, Riff Cohen, die von der Israelischen Botschaft in Berlin mit 500 Euro Reisekostenzuschuss bedacht worden war. Darum war das Logo der Botschaft, neben vielen anderen Sponsoren, auf der Website des Festivals zu sehen – was die Kampagnenführer von BDS als Anlass für die Aussage nahmen, der israelische Staat habe das Festival mit organisiert. Darum erging an sämtliche beteiligten Künstler der Aufruf, nicht bei Pop-Kultur aufzutreten. 

Kein öffentliches Geld für BDS-nahe Veranstaltungen?

Auch als klar wurde, dass die Israelische Botschaft keinerlei Einfluss auf das Programm hatte, hielt BDS an der Kampagne fest: Denn jede kulturelle Präsenz Israels sei zu unterwandern. Was auch die Frage beantwortet, ob die Organisation antisemitisch oder "nur" – wie sie sich selber bezeichnet – antiisraelisch ist: Wen die Teilnahme einer israelischen Künstlerin an einem Festival dazu verleitet, dessen totalen Boykott zu fordern, der betrachtet einen einzelnen Menschen nicht mehr als solchen, sondern als Symbol eines verhassten Volkes; das ist ohne Frage antisemitisch und sollte auch mühelos als solches erkannt werden können. Zur allgemeinen Überraschung des Publikums und zum Entsetzen der Veranstalter sagten dennoch – oder gerade deswegen – sämtliche eingeladenen arabischen Künstler und auch einige Europäer ihre Teilnahme ab.

Die Reaktionen aus der Politik waren eindeutig: Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nannte den Boykott "widerlich"; Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte im Gespräch mit der ZEIT, sie fände es "unerträglich, dass antiisraelische Hetze erst Künstler aus arabischen, dann auch aus europäischen Ländern veranlasst hat, ihre Auftritte bei uns abzusagen".

Lediglich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) äußerte sich zu der Angelegenheit zunächst nicht, was ihm wiederum scharfe Kritik durch das Simon Wiesenthal Center einbrachte. Weil er sich nicht klar gegen die Umtriebe des BDS in seiner Stadt positioniere, drohte man damit, ihn auf die jährlich publizierte Liste mit berüchtigten Antisemiten zu setzen; eine Reaktion, die man ebenfalls als überzogen betrachten kann. Müller jedenfalls beeilte sich daraufhin festzustellen, dass er sich jederzeit und vorbehaltlos gegen den Antisemitismus engagiert; auch wolle er prüfen, ob die Stadt Berlin nach dem Vorbild von München und Frankfurt am Main künftig Künstler, die BDS unterstützen, von öffentlich geförderten Veranstaltungen ausschließen werde.

Diese ganze Affäre ist weit mehr als eine Petitesse

Wozu natürlich auch die Veranstaltungen der Volksbühne gehören. Inzwischen war denn auch einigen Kommentatoren – unter anderem der Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg – aufgefallen, dass Kate Tempest zum Unterstützerfeld von BDS gehört. Könne es also sein, dass sie ein Konzert in der Volksbühne spielen darf, als sei nichts geschehen? So folgten auf den BDS-Boykott die ersten Stimmen, die einen Gegenboykott forderten. Wobei – noch ein absurdes Detail in dieser ohnehin schon verfahrenen Geschichte – einer der beiden Kuratoren des BDS-gebeutelten Pop-Kultur-Festivals, Christian Morin, auch als Musikkurator an der Volksbühne tätig ist und als solcher für das Konzert von Kate Tempest verantwortlich zeichnet. Nachdem Morin also wochenlang mit den Folgen des Boykotts für sein Festival kämpfen musste, sah er sich nun plötzlich im Visier der Gegenseite.

Umgehend wurde versucht, die Künstlerin zu einer Erklärung zu bewegen, in der sie sich von antisemitischen Umtrieben im Allgemeinen und von BDS im Besonderen distanziert. Dazu war Tempest offenbar nicht bereit; auch wurde von ihrem Management die Absichtserklärung Michael Müllers, in Berlin künftig keine BDS-Unterstützer mehr in öffentlichen Räumen auftreten zu lassen, als offizieller Erlass gedeutet, der einen Auftritt ohnehin unmöglich mache. Alle Versuche in den letzten Tagen, die verfahrene Situation noch zu entwirren, sind am Mittwoch nun offenkundig gescheitert.

Chris Dercon erklärte zu der Absage: "Ich bedauere es sehr, dass Kate Tempest sich entschieden hat, nicht in Berlin aufzutreten. Das ist eine riesige Enttäuschung für uns und die vielen Besucher, die sich auf das Konzert gefreut haben. Obwohl ich ihr Unwohlsein in dieser Situation verstehen kann, hätte ich mir gewünscht, dass sich die Künstlerin für einen Dialog mit ihrem Publikum geöffnet hätte. Dafür machen wir Kunst." Auch diese unverbindliche Aussage kann man enttäuschend finden; schon vorher hätten sich viele gewünscht, dass Dercon ein deutliches Statement gegen BDS liefert und erklärt, was das für den geplanten Auftritt von Tempest bedeutet.

Ein Boykott des Boykotts war undenkbar

Auch dass Kate Tempest sich ohne weitere Erklärungen zu der Affäre nun bloß in der Rolle des bedrohten Opfers stilisiert, ist mindestens ärgerlich – es war ja zuerst die von ihr unterstützte Organisation, die mit Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen das Pop-Kultur-Festival vorging. So gab der dahin eingeladene ägyptische Künstler Islam Chipsy zu, dass er sein Konzert schon deswegen absagen musste, weil ihm bei einem Boykott des Boykotts selbst ein Auftrittsverbot in den arabischen Ländern und nicht zuletzt in seinem Heimatland gedroht hätte.

Doch auch, wenn man die Praktiken und das Weltbild von BDS widerlich findet, kann man sich über die Absage des Konzerts von Kate Tempest nicht freuen. Denn was folgt daraus für die Zukunft? Zu den Unterstützern von BDS gehören auch Ken Loach und Mike Leigh – darf man deren Filme künftig nicht mehr auf der Berlinale zeigen? Wird die BDS-Unterstützerin Judith Butler von Auftritten an Berliner Universitäten verbannt? Wird es nun, da die Spirale von Boykott und Gegenboykott einmal in Gang gesetzt worden ist, jemals wieder gemeinsame Konzerte von israelischen und arabischen Künstlern geben, wie sie etwa der israelische Musiker Omer Lichtenstein bisher regelmäßig in Berlin veranstaltete?

Eins ist klar: Diese ganze Affäre ist weit mehr als eine Petitesse aus der hauptstädtischen Pop- und Theaterszene. Wir erleben gerade, wie der Nahostkonflikt mit seinen unerbittlichen Polarisierungen in das deutsche Kulturleben Einzug hält. Und wie die Kultur, die doch ein Ort der Utopie und der Versöhnung sein sollte, noch ein bisschen mehr zu einem Ort des Kampfes und der Feindschaft geworden ist.

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Aktualisierung der Redaktion, 14.20 Uhr: Kate Tempest hat sich inzwischen persönlich zu ihrer Konzertabsage geäußert: "Ich möchte klarstellen, dass ich über die Handlungen der israelischen Regierung gegen die palästinensische Bevölkerung entsetzt bin. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich, gemeinsam mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die ich respektiere, als Akt des Protestes dem kulturellen Boykott angeschlossen. Ich bin eine Person jüdischer Abstammung und zutiefst von den Vorwürfen, ich würde eine antisemitische Organisation unterstützen, verletzt. Die israelische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums. Dieser Auftritt war dazu gedacht, darauf aufmerksam zu machen, welchen Horror Migrantinnen und Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben durchmachen müssen und Solidarität mit ihnen als Menschen zu zeigen und ich bin darüber enttäuscht, dass daraus ein politischer Spielball gemacht wurde. Ich bedauere, dass ich den Auftritt abgesagt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass es weder ein angemessener noch ein sicherer Rahmen für mich wäre, meine Kunst zu präsentiere."