Das Überleben der digitalen Technologien hängt von Anfang an in hohem Maß auch von ihrem Tötungsinstinkt ab. Diese Gleichung gilt bereits für die E-Mail-Kommunikation, die nie erfolgreich gewesen wäre ohne die Lösung des Spam-Problems. Der berühmte Algorithmus, der hier früh Abhilfe versprach, heißt "SpamAssassin" – ein martialischer Name für einen Filter, der das Rauschen im neuen Kommunikationsmedium durch die Trennung der erwünschten von der unerwünschten Post reduzierte.

Die Müllbeseitigung ist das erste Übungsfeld der künstlichen Intelligenz. Hier lernt die Software Muster zu erkennen und Objekte zu klassifizieren, hier trifft sie Entscheidungen unter Aufsicht und schließlich auch ohne menschliche Kontrolle: erst in einer gleichen Situation, dann in einer ähnlichen. Alle aktuellen und künftigen Fantasien über intelligente Kühlschränke, autonome Autos, autarke Roboter und andere künstliche Intelligenzen, die heute die Öffentlichkeit begeistern oder beunruhigen, haben ihren Anfang im Deep-Learning-Modell des Werbemüllmörders.

Dieser Text erschien in der Oktoberausgabe 2017 des "Merkur".

Der jüngere Bruder des "SpamAssassin" heißt "Death Algorithm". Er entscheidet in selbstfahrenden Autos im Notfall darüber, ob das Fahrzeug in eine Gruppe von Fußgängern, auf eine Mutter mit Kind oder doch gegen eine Hauswand fährt. Über diesen Todesalgorithmus gibt es inzwischen hitzige philosophische und auch schon juristische Debatten, denn es gilt als sicher, dass das autonome Auto kommt, und zwar noch vor den autonomen Waffen und den mechanischen Haustieren. Die Entwicklung ist politisch gewollt, da man zu Recht davon ausgeht, dass autonom fahrende Autos nicht nur Fahrkosten und Energieverbrauch drastisch senken werden, sondern auch die Zahl der Unfälle: Der Computer verarbeitet viel mehr Information viel schneller als der Mensch, wird niemals müde, fährt nie betrunken und textet nicht am Lenkrad

Terminator 6

Da zugleich als sicher gilt, dass es weiterhin Unfallsituationen geben wird, bei denen Todesopfer nicht vermeidbar, sondern höchstens wählbar sind, ergibt sich die Frage, mit welcher Entscheidungsethik man die entsprechenden Algorithmen ausstattet. Philosophie wird so zum wichtigen Element in der Produktionskette eines Automobils.

Im vielleicht berühmtesten einer Reihe unautorisierter Werbeclips fährt ein Auto durch eine Landschaft, die deutlich in der Vergangenheit liegt. Alle Menschen halten in der Arbeit inne und richten den Blick ehrfürchtig auf etwas, das sich schließlich als ein Mercedes der Luxusklasse erweist, der kurz darauf vor zwei spielenden Mädchen auf der Straße stoppt. Der Bremsvorgang geht offenbar auf einen Sensor zurück, der Objekte vor dem Fahrzeug wahrnimmt. Als das Auto weiterfährt, kommt ein rennender Junge mit einem Drachen ins Bild und eine junge Frau, die ihm beim Wäscheaufhängen glücklich hinterherschaut. Das Zusammentreffen des Jungen mit dem Mercedes überrascht nicht, wohl aber der Zusammenprall. Hat diesmal der Sensor versagt?

Die Antwort kommt rasant und in kleinen Stücken: Kurz vor dem Aufprall sieht man für eine Millisekunde ein Bild von Hitler, dann ruft die Frau mit dem Wäschekorb erschrocken "Adolf?"; auf dem Ortseingangsschild steht "Braunau am Inn", aus der Vogelperspektive formen sich die Glieder des überfahrenen Jungen auf der Straße zu einem Hakenkreuz, der eingeblendete Werbesatz für Mercedes' Bremssystem lautet: "Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen."

Dieses Video aus dem Jahr 2013 hat Jahre später über 5 Millionen Views; mehr als 21.000 finden es gut, knapp 2.000 finden es schlecht, die rund 2.500 Kommentare verteilen sich entsprechend. Der Hinweis, dass es sich nicht um einen autorisierten Mercedes-Werbespot handelt, sondern um die Abschlussarbeit von Studenten der Filmakademie Ludwigsburg, verringert so wenig wie der Hinweis auf den völlig fiktionalen Rahmen das philosophische Problem, das hier aufgerufen wird: Unter welchen Umständen darf man töten, um Leben zu retten?