Der "Summer of Love" feiert dieser Tage sein 50. Jubiläum, jener rauschhafter Sommer also, in dem sich die Hippie-Bewegung von San Francisco aus anschickte, die für den Glauben an freie Liebe und freies Leben empfänglichen Regionen der Welt zu erobern. Überlebt hat die Hippie-Ära – wie so viele dem Aufbruch verschriebene Bewegungen – erstarrt in Kitsch, Kommerz und Nostalgie, also der Erinnerung an nie Gewesenes.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Dagmar Morath

Genauso lang vergangen scheint ein ganz anderer "Summer of Love" zu sein: der im Deutschland des Jahres 2015. Für wenige Monate, vielleicht auch nur Wochen, waren die Deutschen nicht wiederzuerkennen: Die Öffnung der Grenzen für Hunderttausende Geflüchtete öffnete die Herzen von Millionen Menschen. Und es blieb nicht wie so oft bei der folgelosesten aller Regungen, der Sentimentalität, sondern es wurde gehandelt, also geholfen. Die in diesen Tagen entstandenen Bilder sind sattsam bekannt: Der Münchner Polizist, der einem Flüchtlingsjungen seine Kappe auf den kleinen Kopf setzt, die Beifall klatschenden Menschen an den Bahnhöfen oder die Kleider faltenden Helfer in riesigen Lagerhallen.

Überlebt hat dieses empathische und ja, auch dieses sich an seiner Empathie, seinem Gutsein berauschende Deutschland, nicht. Allenfalls im Rahmen einer gewissen Scham über eben diese Empathie angesichts der, als Folgen der Grenzöffnung empfundenen Desaster in Form von Terror und sexuellen Übergriffen. Geblieben ist ein schamhaftes: "Mann, waren wir naiv", oder im Duktus der Besserwisser: "Das musste ja so kommen". Musste es wirklich?

Die Politik jedenfalls reagiert längst auf ebenfalls sattsam bekannte Weise. Wahlweise mit dem Totschweigen einer Verantwortung für hier lebende oder noch zu erwartende Geflüchtete. Oder mit offensivem Hardlinertum. Hin und wieder wird ein Dank an die ehrenamtlichen Helfer abgesondert, die bis heute fortsetzen, was an den Bahnhöfen und Erstaufnahmestellen begonnen wurde: Hilfe leisten.

Denn ja, es gibt sie weiterhin, die ehrenamtlichen Helfer, und sie sind viele, von bis zu sechs Millionen geht eine Studie der Evangelischen Kirche aus. Aber die Hilfe ist wieder da gelandet, wo sie in Deutschland gern abgelegt wird: Im toten Winkel der Leistungsgesellschaft. Kein Wunder also, dass zwei Drittel der Helfer Frauen sind. Die haben ja angeblich mehr Herz, weniger Machtstreben oder die strukturell höhere Opferbereitschaft.

Nächstenliebe gilt wieder als Gedöns

Vielleicht hatten und haben sie einfach das bessere Gefühl für das, was im Tennis der big point genannt wird, jener entscheidende Moment, der Verlauf und Ausgang eines Spieles drehen kann. Was rasch "Flüchtlingskrise" genannt wurde, wäre die Chance gewesen, einen solchen big point für Deutschlands Zukunft zu machen, Denken, Leben und Arbeiten entlang neuer Paradigmen zu verorten. Das so eruptiv wie kollektiv menschlich agierende Deutschland hat es einen verheißungsvollen Moment lang möglich erscheinen lassen.

Der Moment ist rasch verstrichen. Längst ist praktizierte Nächstenliebe im politischen Tagesgeschäft wieder zu Gedöns herabgestuft worden. Erst einmal müssen Lücken gestopft werden: Ehrlichkeitslücken in der Autoindustrie, Einkommenslücken bei den Frauen, Breitbandlücken in der Provinz, Baulücken in den Metropolen, Selbstbewusstseinslücken im Umgang mit der Türkei und Bildungslücken allerorten.

Die PR-Gesellschaft frisst die Wahrheit und scheidet sie als Thema aus. Das Thema wird, in Pro- und Contra-Anteile aufgespaltet, als notdürftig aufbereitete Debatte neuerlich in den PR-Kreislauf eingespeist. Der Mut zur Lückenbeseitigung, auch Wahlversprechen genannt, ist so wohlfeil wie konsensfähig. Nur scheinbar ist er an den "hart arbeitenden Menschen", den "Menschen im Lande" oder "den Menschen da draußen" ausgerichtet, aber vor allem an den hart schreibenden, schrill postenden und heftig antichambrierenden Menschen, die die mediale und politische Wirklichkeit erst konstituieren. Ein aus Partikularinteressen zusammengesetztes Wirklichkeitsmosaik, verfugt mit der Überzeugung, jeder sei sich selbst der Nächste.

Gutes tun, gar gut sein, entzieht sich dem Regelwerk der PR-Gesellschaft. Menschlicher Anstand und mediale Schrillheit passen nicht zusammen. Es bedurfte in jenem Sommer 2015 der millionenfachen Sichtbarwerdung der guten Deutschen – und einer Kanzlerin, die sich davon zu eigenem Handeln inspirieren ließ – um Helfende zu Protagonisten in Talkshows und zum Titelthema oder Gegenstand von Meinungsabsonderungen jedweder Provenienz und Kompetenz zu machen.