Natürlich nur so lange, bis sie ihre mediale Schuldigkeit getan hatten und gemeinsam mit Angela Merkels einstigem It-Statement "Wir schaffen das" zu den Themen von gestern gepackt wurden.

Dabei stehen dieser Satz wie die Menschen, die ihn beseelen, für ein von Anstand und Menschlichkeit bestimmtes, aber auch mit vielfältigen Fähigkeiten ausgestattetes Kollektiv. Ein Kollektiv, das bereit ist, sich handelnd einem begründeten Optimismus zu verschreiben. Das Ganze in diesem Fall zum Wohle von Menschen, die neu in unser Land kommen.

Dieses Kollektiv hätte Deutschland sein können. Es ist Konjunktiv geblieben. Vielleicht nicht zuletzt, weil die Hilfsbereitschaft – die immer auch an Veränderungsbereitschaft gekoppelt ist – eine Kernqualität, ja Kernkompetenz der Deutschen darstellt, die entweder verkannt, verkitscht oder verlacht wird.

Verlacht werden Helfende unter anderem als Spendenweltmeister, die ihr Gewissen mit einer Paypal-Überweisung ruhigstellen, als Ignoranten, die im Taumel der Selbstergriffenheit Schmarotzertum befördern oder als peinlich dumme Gutmenschen, die den Schuss der Leistungsgesellschaft nicht gehört haben. Um nur die freundlicheren Aspekte des medialen Meinungsspektrums anzureißen.

Zuspruch in Richtung Weltverbesserung

Verkannt werden sie als Gestalter eines Aufbruchs, der diesen Namen wirklich verdient. Denn eigentlich sind die Deutschen ganz anders, sie kommen nur so selten dazu. Sie brauchen – auch das ist eine Erkenntnis aus dem Sommer 2015 – eine konkrete Herausforderung, die ihren Willen und ihre Fähigkeit, Gutes zu tun, triggert. Und sie brauchen Zuspruch, um den Aufbruch Richtung Weltverbesserung – so pathetisch das klingen mag – zu konkretisieren. Beides zu leisten wäre auch Aufgabe der Politik.

"Machen wir unser Herz nicht eng mit der Feststellung, dass wir nicht jeden, der in unser Land kommt, aufnehmen können. Ich weiß ja, dass dieser Satz sehr, sehr richtig ist. Aber zu einer Wahrheit wird er doch erst, wenn wir zuvor unser Herz gefragt haben, was es uns sagt... Tun wir wirklich schon alles, was wir tun könnten?" Diese Sätze sind aus Joachim Gaucks Weihnachtsansprache 2013. 18 Monate, bevor Deutschland seinen kurzen "Summer of Love" vollzog und erlebte. Als sich Türen in Möglichkeitsräume öffneten, in denen vieles von dem sichtbar wurde, was die Deutschen tun könnten.

Nun sind Gaucks Sätze noch mehr last season als Merkels "Wir schaffen das". Aber vielleicht sollten politische und moralische Handlungsmaxime auch nicht der Logik von Handtaschenverkäufern folgen. Oder überhaupt einem rein ökonomisch definierten Primat. Vielleicht hätte man auch "nach Köln" und den vielen anderen Anlässen, die das zuvor herbeigeschriene Kippen der Stimmung unausweichlich erscheinen ließen, Kurs halten, um die Menschen in ihrem Aufbruchswillen, statt in ihren niederen Instinkten zu stärken.

Bezogen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland ginge die Frage, ob wir wirklich alles tun, was wir tun könnten, auch Christian Lindner locker über die Lippen, und ein in Richtung Autoindustrie geschmettertes "Wir schaffen das" stieße sofort auf überparteilichen Konsens. Menschlichkeit offensiv zu befeuern oder gar einzufordern, scheint den "Menschen im Land" hingegen nicht zumutbar zu sein.

Ist es doch. Muss man machen und sollte man machen. Denn der Sommer 2015 ist wirklich passiert. Und ein "Weiter so" kann es geben. Offenen Herzens und sehenden Auges und mit uns allen.