Ein kleiner Aufreger im inzwischen totkommentierten Fernsehduell war Sandra Maischbergers Bemerkung, dass man "das mit der sozialen Gerechtigkeit auch schnell machen" könnte. Es war kein Versuch der Moderatorin, das Gerechtigkeitsthema unter den Tisch zu kehren, sondern eine ironische Aufforderung an Martin Schulz, endlich mehr dazu zu sagen. Aber Schulz war auf einem anderen Trip. In einer Mischung aus Dusseligkeit und zu viel Vorbereitung ritt er weiter auf Angela Merkels Nachgeben bei der PKW-Maut herum und verplapperte damit die wenigen Minuten, die für sein Kernthema reserviert waren. Niedriglohnsektor, Langzeitarbeitslosigkeit, Alters- und Kinderarmut, Bildungsgerechtigkeit und Mietkrise, all das kam im Fernsehduell praktisch nicht vor.

Das ist einerseits ziemlich unglaublich, andererseits symptomatisch für die Stimmung im Land. Als die Wählerinnen und Wähler in diesem Sommer gefragt wurden, welche Probleme sie für die dringlichsten hielten, landeten Aspekte der sozialen Gerechtigkeit – bessere Bildung, gerechtere Verteilung, Bekämpfung von Armut – ganz weit oben, gleich hinter oder sogar weit vor den Themen, die im weitesten Sinne mit Flüchtlingen zu tun haben. Trotzdem scheinen sich Politiker und Wahlkampfstrategen darauf geeinigt zu haben, dass soziale Gerechtigkeit kein Siegerthema ist. Der Spruch, mit dem Merkel Deutschland sediert – "für ein Land, in dem wir gut und gerne leben" –, für die breite Masse scheint er zu stimmen.

Holt man diesen Slogan aus dem Spätsommerlicht, für das er ganz offenbar geschrieben wurde, dann beginnt er ziemlich zynisch zu funkeln. Und zwar nicht nur in den Augen von altbürgerlich-verbitterten Fremdenfeinden. Es gibt in Deutschland ja eine ganze Menge Menschen, die gut und gerne noch ein bisschen besser leben könnten, wenn sie zum Beispiel ein bisschen mehr Geld für Nahrung, Kleidung und Wohnung hätten. Zwei Millionen Kinder und Jugendliche, die von Sozialhilfe abhängig sind. Knapp neun Millionen Menschen, die einen Bruttolohn von unter zehn Euro verdienen. Sechs Millionen Empfänger von Hartz-IV (Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld); zweieinhalb, eigentlich dreieinhalb Millionen Arbeitslose. Man blickt auf diese Zahlen und erinnert sich, warum im Winter überall zu lesen war, Deutschland sei ein Land, in dem ganze Bevölkerungsschichten wirtschaftlich und kulturell verarmen. Die sogenannten Abgehängten sind vom Staat im materiellen Sinne abhängig, fühlen sich aber gesellschaftlich und politisch von niemandem mehr repräsentiert. Es war der Winter, in dem Sankt Martin Schulz seinen unrealistisch guten Wahlkampfstart hinlegte.

Fördern und fordern, der German way of life

Mit dem Eindruck, Deutschland habe ein Gerechtigkeitsdefizit, ja ein handfestes Armutsproblem, lässt sich in Deutschland vielleicht der Hass einer Minderheit auf Flüchtlinge und auf die Kanzlerin schüren. Ein mehrheitsfähiges linkes Projekt entsteht daraus bisher noch nicht. Es ist widersprüchlich: Laut YouGov finden 79 Prozent der Deutschen, dem Land mangele es an sozialer Gerechtigkeit. In der selben Umfrage stimmen aber 60 Prozent der Aussage zu, in Deutschland gehe es "insgesamt eher gerecht" zu. Erklären könnte man das mit einer ziemlich protestantischen Leistungsethik: Man kann bedauern, dass zu viele Menschen zu wenig haben ("wir haben ein Problem bei der sozialen Gerechtigkeit"), gleichzeitig aber der Meinung sein, dass dafür nicht die Gemeinschaft, sondern die Gruppe der Betroffenen selbst verantwortlich ist. Wenn die nicht mehr aus sich machen, dann kann doch Deutschland nichts dafür – es bleibt in dieser Hinsicht "insgesamt eher gerecht".

Natürlich werden in solchen Umfragen suggestive Fragen gestellt. Es ist riskant, eine ganze Volkspsychologie aus ihnen abzuleiten. Aber man kann doch festhalten, dass die Leistungsethik bei uns nicht den angelsächsisch-liberalen Weg eingeschlagen hat, der Solidarität nur noch als Charity organisiert, sondern den disziplinarischen: Der Sozialsaat soll den Armen ja helfen, sie sollen nicht sich selbst überlassen bleiben. Aber dafür müssen sie auch etwas leisten. Die Deutschen sind stolz darauf, keine amerikanischen Verhältnisse zu haben. Dafür haben sie einen erziehenden Staat, der spätestens seit den Hartz-Reformen fördert und fordert. Die Reform des Sozialstaats seit der Jahrtausendwende war immer auch eine Reform der Individuen, die von ihm abhängen. Mit einer ähnlich reformistischen Haltung tritt die Bundesregierung in der Eurokrise gegen ganze Staaten auf, und weil das den Deutschen insgesamt ganz gut zu gefallen scheint, wagt es keine Partei, diesen riesigen Problemkomplex im Wahlkampf auch nur zu erwähnen.