I feel lost, schreibe ich meinem Freund Rajeev Balasubramanyam, einem britischen Autor, der seit vergangenem Sommer in meiner Nachbarschaft wohnt.

Ich habe mein Thema verloren, Rajeev. Ich habe genug, ich bin durch mit Identität. Vielleicht kann ich jetzt nie wieder etwas schreiben.

Rajeev sagt nicht, ich solle mir keine Sorgen machen und auch nicht, dass es so viel Interessantes gäbe, über das man schreiben könne. Er begreift auf Anhieb, worum es geht.

Man macht uns glauben, eine Identität hätten nur Leute wie du und ich, schreibt er mir. Sie machen uns glauben, das einzig Interessante an uns sei das, was uns von ihnen unterscheidet.

Ich frage ihn nicht, wen er mit sie und ihnen meint, wer das sei, der sich uns in den Weg stellt. Natürlich, es hat sie überall gegeben, Leute, die mich glauben machten, dass meine Haarfarbe, meine Muttersprache, mein Abendessen, meine Eltern das seien, was mich am stärksten geprägt habe. Mich zu dem machen, was ich bin. Nutze doch dein Potenzial, du bist die Einzige, die hier Türkisch kann, sagten sie in der Redaktion, und in der Schule null Fehler im Diktat und dabei ist Deutsch nicht einmal deine Muttersprache, davon könnt ihr euch alle eine Scheibe abschneiden. Wenn ich einmal nicht von meiner Herkunft, besser gesagt der Herkunft meiner Eltern sprechen wollte, fragte man mich, ob ich mich schämte, ob ich ein Problem damit hätte.

Rajeevs Antwort hat mich nicht deshalb umgehauen, weil ich jetzt weiß, wer schuld ist. Seine Antwort hat mich schlagartig aus der Orientierungslosigkeit geholt. Mir wurde klar, dass ich selbst glaube, ich hätte nichts anderes zu bieten als meine Andersartigkeit. Als bestünde ich nur daraus. Warum sonst erwähne ich ungefragt die Türkei, meine Zweisprachigkeit, das türkische Essen, das Dorf, in dem meine Eltern aufgewachsen sind? Ich mache es selbst zum Thema, mit und ohne Anlass, eine Überleitung findet sich immer. Fragt man mich nach meinem Namen, und fragt dann noch einmal, wie?, sage ich, das ist ein türkischer Name, statt ihn einfach zu wiederholen. Manchmal erzählte ich von der Türkei, als hätte ich dort wirklich einmal gelebt, als wäre ich erst vor zwei Jahren nach Berlin gekommen, als wisse ich irgendetwas über dieses Land. Die Überzeugung, dass das Türkische mein Wesen ausmacht, hat sich so tief in mein Denken gefressen, dass ich jetzt, da ich keinen Drang mehr spüre, über das Deutschsein und das Türkischsein zu schreiben, keine Erleichterung spüre, sondern Angst, plötzlich nichts mehr zu sein, nichts mehr zu sagen zu haben. 

Natürlich spielt das Türkische – wie soll ich es nennen, mein türkisches Ich, mein türkischer Teil, meine türkische Identität? – eine Rolle in meinem Leben. Aber nicht immer hat man mich dazu gedrängt. Oft habe ich es mir selbst ausgesucht, bei meiner Diplomarbeit, in meiner Zeitungskolumne, als Stoff für Romane, Drehbücher, für ein Opernlibretto, für Zeitungsartikel und Radiobeiträge. Es interessierte mich einfach, so sehr, dass ich glaubte, nur darüber könnte ich ehrlich und wahrhaftig schreiben.

Allmählich verschwindet das Gefühl der Verlorenheit. Emsig habe ich mich daran abgearbeitet, jetzt reicht es wohl und langsam dräut mir, dass es doch noch mehr gibt in der Welt, das mich interessiert und geprägt hat. Die Begeisterung wird mich wieder überfallen, ich weiß noch nicht wie und wann und wo, aber das weiß ja keiner, der überfallen wird. Meine Verbundenheit zu allem Türkischen wird und soll mir bleiben, sie braucht nicht aus meinem Denken und Fühlen zu verschwinden. Aber sie muss auch nicht allem vorangehen.