Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall. Eine Frau, die den Neun-Zentimeter-Absatz beherrscht und darauf auch noch ihre Arbeit macht, ist sich absolut sicher, wer sie ist und was sie kann. Aus demselben Grund lässt sich Brigitte Macron, die Frau des französischen Präsidenten, ganz selbstverständlich von Louis Vuitton ausstatten. Und wenn Melania Trump ein Missoni-Kleid trägt, dann sieht der amerikanische Guardian das als Zeichen der Abgrenzung zu ihrem Mann. Weil Mode Haltung bedeutet. Selbstwertgefühl und Statement.

Frauen, die zu sich und ihrem Erfolg stehen, haben keine Angst aufzufallen. Sie verstecken sich nicht verschämt in den Kleidern, die alle tragen, sie wollen so aussehen, als gehöre ihnen der Laden. Doch die Verunsicherung über modische Codes und Selbstfindung durch Kleidung lauert überall. Das fing schon an, als ich mich im Teenageralter vor dem Spiegel zurechtmachte und mein gleichaltriger Cousin ätzte: "Frauen werden nie so erfolgreich sein wie Männer, weil sie zu viel Zeit damit verschwenden, sich für sie schön zu machen."

Den Spruch nehme ich ihm bis heute übel. Denn solche Sprüche sorgen dafür, dass Männer ganz selbstverständlich ihre teuren Uhren zur Schau stellen, während sich junge Mädchen und Frauen lieber für die Ausdruckslosigkeit entscheiden, weil sie um keinen Preis als oberflächlich oder gar dumm gelten wollen. Und wieder höre ich meine Großmutter sagen: "Zeig' Haltung, zieh dich immer gut an, trag' deinen schönen Kopf oben."

Neu sortieren, aber nicht wegwerfen

Mode muss nicht schrill, teuer oder konsumorientiert sein. Ich habe mir zum Beispiel im Laufe meiner Berliner Jahre einen guten Überblick über die Edel-Second-Handshops meiner Stadt verschafft. Julia Schramm von der Linken ist da wesentlich radikaler. Sie kauft sogar beim britischen Discounter Primark, weil ihr die Sachen da immer so gut passen. Die Produktionsbedingungen bei Primark seien nicht schlechter als die bei H&M. Sie habe viel darüber gelesen und sich informiert, sagt sie. Und sie ist genauso modebegeistert wie ich, die ihre Schränke regelmäßig nach Taschen, Schuhen, Mänteln und Kleidern neu sortiert – aber nie etwas wegwirft.

Ganz offensichtlich zur Freude meiner erst dreijährigen Tochter, die schon anfängt, neugierig meine Abendkleider zu mustern. Sie fasziniert mich. Sie ist noch so klein, aber hat den genauen Überblick über die Tüllröckchen, Shirts und bunten Strumpfhosen in ihrem Kinderschrank. Sie zeigt mir auf ihre kindliche Art einmal mehr, dass Mode ein Zeichen für Selbstbestimmung ist.

Vor ein paar Tagen machte ich morgens den abermals vergeblichen Versuch, ihr die Sachen, die sie anziehen soll, rauszulegen. Doch als sie die Klamotten auf ihrem Bett liegen sah, kippte die Stimmung. Wütend nahm sie die von mir gewählte Hose, stopfte sie zurück in ihren Minischrank und holte dafür eines ihrer geliebten Tüllröckchen heraus. "Wenn ich mich schon selbst ohne Hilfe anziehe, dann bestimme ich auch, was", rief sie mir zu. Ich war zu beeindruckt, um mit Strenge zu antworten. Manchmal betrachtet sie meine Uhr. Ein Erbstück. Ich habe den Namen meiner Tochter in die Innenseite der Uhr gravieren lassen. Damit sie weiß, dass die Uhr irgendwann ihr gehört. Aber jetzt noch nicht.