Mal wieder ein Eklat. Diesmal hat er sich auf der Frankfurter Buchmesse zugetragen. Rechtsextreme Ideologen wollen ihre Schriften öffentlich diskutieren, eine Handvoll Leute protestiert, Handgemenge, Polizei. Anschließend tagelange Eklat-Berichterstattung. Auftritt der abgeklärt demokratischen Kommentatoren, die gönnerhaft erlauben, "die Rechten" grundsätzlich reden zu lassen, wegen Meinungsvielfalt und so weiter und so fort. Gegenmeinung dazu, die Rechten inszenieren und provozieren ihre Spektakel und alle fallen darauf rein, besser gar nicht berichten. Dann warten auf den nächsten Skandal.

"Wie umgehen mit Rechten?" ist der Klassiker des "Wehret den Anfängen"-Diskurses. Dürfen sie reden, müssen sie reden, können sie reden? Der Witz dabei ist, dass sie permanent reden. AfD-Mitglieder hatten bereits ein Dauerabo auf Sendeplätze im deutschen Fernsehen und Radio, aber noch kein einziges Landtagsmandat.

Sympathisanten von Pegida, AfD, Identitären, Ein Prozent, Pro-Bewegung und vielen anderen rechtsextremen Vereinigungen sitzen in Universitäten, Polizeigewerkschaften, Verlagskonzernen, sind Rechtsanwälte oder Richter, sind in allen möglichen Institutionen vertreten, in Zeitungen, Sendern, betreiben Blogs, man braucht ihr Rederecht nicht zu verteidigen, sie haben es längst. Zu ihren erfolgreicheren Tricks gehört, dass sie ihre Stigmatisierung dauernd behaupten. Meistens in Fernsehtalkshows vor einem Millionenpublikum.

Die rechtsextremen Netzwerke sind politisch, gesellschaftlich und finanziell enorm einflussreich. Es handelt sich nicht um Benachteiligte. Wer rechtsextrem ist, hat beste Chancen, gehört zu werden.

Nun kreist die öffentliche Debatte ständig um die Frage, wie man mit der AfD politisch korrekt, demokratisch legitimiert, staatsrechtlich bis auf den hinterletzten Paragrafen abgeklopft, stilistisch, formal und auch sonst tippitoppi umgehen darf. Immer unter der Prämisse, die AfD-Anhänger nicht zu verschrecken, die Abgehängten nicht weiter zu marginalisieren, um das Klientel bloß nicht weiter in die Radikalität zu treiben. Dieses Verhalten ist arg sozialpädagogisch geprägt, was natürlich eine irre Wendung ist.

Es flippen immer die anderen aus

Sogar die Selbstbezeichnung der Rechtsextremen, dass sie doch keine Rechtsextremisten seien, wird berücksichtigt. Rechtspopulisten, Nationalpopulisten, Liberalpopulisten, lauter Verniedlichungen, die deshalb so entsetzlich sind, weil auf diesem Weg das politische Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft manipuliert wird. Es ist üblich geworden, von der AfD als einer rechtspopulistischen Partei zu sprechen, die "auch" rechtsextreme Strömungen vereinigt. Dabei ist es umgekehrt, die AfD ist eine rechtsextreme Partei, die auch andere Strömungen umfasst. Sie ist nämlich eine politische Organisation, die sich ohne wenn und aber gegen "den Islam" richtet und damit den Boden der demokratischen Rechtsordnung, also das Grundgesetz, verlassen hat.

Zurück zum "Wehret den Anfängen"-Gedanken: In welchem Zeitabschnitt bewegen wir uns gerade? Haben die Anfänge schon begonnen, sind sie überschritten, liegen sie längst hinter oder noch weit vor uns? Die Antworten fallen bestimmt unterschiedlich aus.

Wie sehr man sich von der Tatsache, dass Deutschland von der rechtsextremen Ideologie nach und nach politisch beeinflusst wird, belästigt fühlt, ist eine individuelle, politische Entscheidung. Sie ist unter anderem auch davon abhängig, ob man zu jener Gruppe der volksfremden Terroristen und Gefährder der Inneren Sicherheit gezählt wird, oder zu den schutzbedürftigen und besorgten Deutschen.

Wer sich selbst für nicht rechtsextrem hält, Muslime aber am liebsten aus der Gesellschaft vertrieben sehen will, der hat zum Thema Widerstand gegen Rechts sicherlich ein anderes Verhältnis als ein gläubiger, rechtschaffener, deutscher Muslim. Letzterer müsste eigentlich schon längst ausgeflippt sein angesichts der Unverschämtheiten, mit denen man ihn konfrontiert. Es flippen aber seltsamerweise immer die anderen aus. Die auf den Straßen herumbrüllen und Häuser anzünden.

Es steht jedem Bürger in diesem Land zu, demokratiefeindliche Rechtsextreme niederzuschreien, sie am Sprechen und Publizieren oder an Auftritten zu hindern. Es geschieht interessanterweise aber kaum. Hin und wieder fliegt ein AfD-Mitglied mal aus dem Restaurant oder aus der Sauna. Gemessen daran, dass sich diese Gesellschaft geschworen hat, nie wieder, wirklich nie, nie wieder Menschen aufgrund kultureller, sexueller, ethnischer Hintergründe zu diskriminieren und stattdessen in der Welt für Frieden zu sorgen und Schutzbedürftigen zu helfen, und gemessen daran, dass dieses Versprechen Tag für Tag gebrochen wird, herrscht devote Stille.