Der Erfolg von Fifty Shades of Grey ist ebenso überwältigend wie erstaunlich. Nicht nur verkauften sich weltweit die mehr als 100 Millionen Exemplare der Lovestory zwischen Anastasia Steele und Christian Grey angeblich schneller als dereinst die Harry-Potter-Taschenbücher. Sie taten dies sogar trotz Sätzen wie: "Pulling off his boxer briefs, his erection springs free. Holy cow!" Offensichtlich hat die Autorin Erika Leonard alias E.L. James einen Nerv getroffen. Vermutlich den nervus pudendus, den Wollustnerv, der grob vereinfachend gesprochen Gehirn mit Genital verbindet. Nächste Woche erscheint der fünfte Band, Darker, wohl wieder mit einer Startauflage von einer Million allein in Deutschland. Anlass genug, um zu fragen, wie es nach sechs Jahren Shades of Grey um unseren Pudendus steht.

Kurz zur Erinnerung, worum es geht: Die junge Studentin Anastasia trifft den überaus erfolgreichen Geschäftsmann Christian, einen Byronschen Helden der Trivialliteratur. Sein düsteres Geheimnis ist eine üble Kindheit geprägt von Vernachlässigung und Missbrauch. Das hat ihn zu einem verschlossenen, oft unwirsch wirkenden Mann gemacht, der jedoch von großen Leidenschaften getrieben wird. Nicht nur seine Mitmenschen haben darunter zu leiden, sondern auch er selbst sucht deshalb regelmäßig einen Coach auf. Dennoch verlieben sich Anastasia und Christian, sie begehren und finden einander, später folgen allerlei Verwicklungen. Was den Plot von einem supermarktüblichen Liebesroman unterschiedet: Christian ist nicht Arzt, sondern CEO einer multinationalen Firma und steht auf BDSM, also auf Bondage, Disziplin, Dominanz, Unterwerfung, Sadismus und Masochismus. Anastasia ist mit diesen Wünschen als sexuell Unerfahrene zunächst überfordert. Schließlich siegen Anziehung und Begehren. Die beiden schlafen miteinander und haben Sex unter Einbezug von BDSM-Praktiken.

Interessant an dem Ganzen ist zunächst die Ambivalenz von Anastasias Gefühlen. Denn obwohl unerfahren, handelt die junge Frau bemerkenswert selbstbewusst und selbstverantwortlich. Wenn sie sich schließlich auf die Spielchen des begehrten Mannes einlässt, tut sie dies sehr bewusst. Dank ausführlicher innerer Monologe kann man als Leser ihre Entscheidung nachvollziehen und, beinahe noch wichtiger, ihre Zweifel. Denn die hat sie. Diese Frau ist keinesfalls ein unbedarftes Dummchen. Als sie sich schließlich auf Christian und seine speziellen Wünsche einlässt, tut sie dies nicht, weil er sich einfach nimmt, was er will, sondern weil das, was er will, ihrem eigenen Herzenswunsch entspricht. Christian weckt – und befriedigt – auch ihr eigenes Begehren.

Toys für die Fantasie

Einer der schärfsten Vorwürfe gegen die Bücher lautet, sie verherrlichten häusliche Gewalt. Der Vorwurf ist merkwürdig, denn es geschehen in Romanen dauernd Dinge, die sich kein Mensch in der Realität wünscht – man denke kurz an skandinavische Thriller –, sie spielen vielmehr mit unseren Ängsten und Sehnsüchten oder liefern wie Shades of Grey, um mal im Bild zu bleiben, die Toys, mit denen unsere Fantasie dann spielen kann.

Diese Spielzeuge sind nun ähnlich neu wie die Beschreibungen bestialischer Verbrechen in schwedischen Krimis: Natürlich gab es sie schon lange vorher. Nur hatte man sie noch nie so detailliert zu lesen bekommen. Die Zensur, die das Unbewusste lange Zeit über Sadomaso-Praktiken verhängt haben mochte, war schon vor Erscheinen des ersten Romans der Reihe durchlässig, das ganze BDSM-Thema im besten Freudschen Sinne bewusstseinsfähig.

Anastasia hat es lediglich für uns ausgelebt: Sie gibt sich Christian hin und das nicht nur im romantischen Sinne, sondern sehr physisch. Er ist der Dominante, der Dom im einschlägigen BDSM-Slang, sie die Sub, diejenige, die gehorchen wird. Es geht um Schmerz und Kontrolle und um die Steigerung sexueller Lust. Und damit sind wir schon ganz nah am Pudendus-Nerv.