Er macht uns alle zu Opportunisten

Als Donald Trump vor einem Jahr zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, hatten die meisten vor allem Fragen: Wie ernst meinte es der neue Präsident mit seinen Drohungen? Würde er sich auf dem Weg zum mächtigsten Amt der Erde ändern, vielleicht gar läutern? Insbesondere stellte sich aber die Frage, wie er mit den Medien umgehen würde – er hatte im Eifer des Wahlkampfes von Zensur und von Klagen gegen Journalisten fantasiert, hatte bewusst Nazi-Schlagwörter wie Lügenpresse gestreut. Wie ernst war es ihm damit gewesen?

Auf einige dieser Fragen kann man mittlerweile eine Antwort geben. Der Präsident Donald Trump unterscheidet sich um kein Haar von dem Kandidaten Donald Trump. Tatsächlich handelt er in fast allen Belangen so, als kandidiere er immer noch für das Amt, das er längst inne hat. Der Staat behandele ihn unfair, klagt der oberste Repräsentant selbigen Staates. Hinter allem Möglichen wittert Trump Verschwörungen, die er mit einem einzigen Anruf nachprüfen könnte. Vor Kurzem fragte er allen Ernstes, warum man sich seine Skandale so viel genauer anschaue als die einer Frührentnerin aus dem Hudson Valley, so als ob er sich noch im Wahlkampf mit Hillary Clinton befände. Trump ist auf einer Welle weißer Entmachtungsängste ins Weiße Haus gespült worden und scheint diesen Ängsten auch im Zentrum der Macht noch nachzuhängen.

Am 9. November 2016 war die unrühmliche Rolle, die die amerikanischen Medien beim aufhaltbaren Aufstieg des Donald Trump gespielt haben, jedem klar. Sie hatten seine Kandidatur nicht ernst genommen und auch nicht mit dem nötigen Ernst behandelt, seinen Wahlkampf zur Realityshow degradiert, was dem Realitystar naturgemäß entgegenkam. Ebenso klar war, dass jene Medien nun die Institutionen amerikanischer Demokratie gegen Trump behaupten und verteidigen müssten.

Immun gegen mediale Entlarvung

Sie haben den Stresstest besser bestanden, als man es damals zu hoffen gewagt hätte. Sie sind aufmüpfig geblieben und haben genau hingesehen. Große Teile der Medien – im Grunde genommen alle außer den Regierungsmedien Fox News und Breitbart – haben nie aufgehört, ihren Zuschauern und Lesern zu vermitteln, dass das, was passiert, nicht normal ist. Aber das Tragische ist, dass das wohl nicht reicht.

Dank der genau hinsehenden Medien durfte man verfolgen, wie Leni Riefenstahls Triumph des Willens ausgesehen hätte, wäre er von den Marx Brothers inszeniert worden: Trump und sein Team versuchen sich am Autoritarismus und stolpern bei jedem Versuch über die eigenen Schnürsenkel. Die zerstörerische Kraft uninformierter, lustloser Inkompetenz scheint jedoch gegen mediale Entlarvung immun. Als Ende Oktober bekannt wurde, dass Trump sich nicht gerne bei den Witwen gefallener Soldaten meldet, wie es in den USA Tradition hat, und dass er, wenn er doch anruft, sich die Namen nicht merken kann, war die Empörung gering. Denn wer hätte ernsthaft das Gegenteil geglaubt? Dass ein Präsident, der von Gesetzen erzählt, die es nicht gibt, der zu Unterzeichnungszeremonien einlädt und dann das Unterzeichnen vergisst, plötzlich von anderen Menschen und deren Emotionen Notiz nähme? Über die täglichen Unsäglichkeiten kann man zornig sein, tief betroffen und gedemütigt – aber welchen Erkenntnisgewinn bringt die Berichterstattung über sie noch? 

Jede Woche neue Charaktere in der Trump-Show

Weil die Regierung Trump die Tragödie übersprungen hat und gleich zur Farce übergegangen ist, haben Medien und Unterhaltungsbranche einen schwierigen Stand. Sie müssen informieren, aber Trump bietet eher Stoff für das Entertainment. Er macht genau das, was man von ihm erwartet, wie ein Wrestler oder eine Figur in der Seifenoper. Ihn zu dokumentieren, bedeutet fast automatisch, weniger zu informieren als zu unterhalten – und sich somit auf sein Spiel einzulassen.

Ernsthafte Medienvertreter wissen natürlich, dass sie Gefahr laufen, durch ihre Berichterstattung Bränden Sauerstoff zuzuführen, die ohne ihn längst erloschen wären. Zum Beispiel das verrückte Personenkarussell um den Präsidenten: Jede Woche muss man sich an neue Charaktere der Trump-Show gewöhnen. Nur zehn Tage dauerte es zwischen Anthony Scaramuccis denkwürdigem ersten Auftritt und seiner Demission. Und es war schon während dieser zehn Tage klar, dass Scaramucci keineswegs vorhatte, der US-Regierung zu dienen. Er wollte sich als Figur im Trump-Drama etablieren, um dann irgendwo anders in den Medien Karriere zu machen – ganz als wäre er der schrille Nachbar bei den Kardashians. So wie er werden es noch viele machen. Aber wie soll man mit ihnen einen Staat führen? Und: Soll man über sie berichten, als seien sie ernsthafte Politiker?

"Trump wird sich nicht ändern, nur weil Sie ihn beleidigen"

Donald Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, zu Gast bei Jimmy Fallons "Tonight Show" © Douglas Gorenstein/NBC/NBCU Photo Bank/Getty Images

Donald Trump zieht Opportunisten an. Schlimmer noch, er macht uns alle zu Opportunisten. Die Washington Post geriert sich als Amtsblatt des Anti-Trump-Widerstands und bekommt Hunderttausende neue Abonnenten. Akademiker, Rechtsanwälte, Essayisten, die über ihn schreiben, erreichen plötzlich dutzendmal so viele Leser als früher – klar, das E-Mail-Postfach ist am nächsten Tag voll mit Hakenkreuzzeugs und Holocaust-GIFs, aber zumindest wird man gelesen.

Der Historiker Timothy Snyder verfasste ein schönes Facebook-Update, zwei Monate später stapelte es sich in Buchform in jedem Laden. Stephen Colberts Sendung lief nicht gut, dann legte er sich mit Trump an und ist heute wieder im Zeitgeist. MSNBC überholte Fox News dank Trump. Selbst Jimmy Kimmel weint vor der Kamera über Trumps Gesundheitspolitik und liest am nächsten Abend vor, was Trump-Fans Fieses über ihn gesagt haben. Trumps Narzissmus bedient den der Medienmacher: Wenige derer, die er sich zum Feind erkoren hat, haben sich der Verführung entziehen können, diese Herausforderung anzunehmen.

Ignoriert ihn einfach! Geht das?

Das alles hätte es unter einer Präsidentin Clinton nicht gegeben. Man wird aber das ungute Gefühl nicht los, man mache sich auch durch Aufklärungsarbeit mitschuldig am Phänomen Trump. Ignoriert ihn einfach, heißt es gerne. Aber was soll das heißen, geschweige denn bringen? Das entnervte Wegwischen mag während des Wahlkampfes noch vertretbar gewesen sein, obschon es schon damals auch Teil des Problems war. Aber will wirklich jemand, dass die Medien dem Präsidenten der USA keine Aufmerksamkeit mehr schenken? Soll man die öffentlichen Verlautbarungen eines Menschen ignorieren, der die Autorität hat, per Knopfdruck die Menschheit auszulöschen?

Gesetzt, wir überleben die nächsten drei Jahre, und gesetzt, es kommen nicht noch vier weitere dazu: Dürfen wir solche neuen Maßstäbe wirklich unkommentiert zum Maßstab werden lassen? Dürfen wir etablieren, dass US-Präsidenten jetzt halt so reden? Dass Diplomatie jetzt halt so aussieht? Sicherlich nicht. "Wenn seine Amtszeit einmal vorbei ist, dann wird er wegen seiner Herabwürdigung unserer Nation in Erinnerung bleiben", sagte der republikanische Senator Bob Corker. Der Fernsehsatiriker Seth Meyers entgegnete darauf in seiner Sendung, es sei "nicht genug, dem Präsidenten Beleidigungen entgegenzuschleudern. Wenn Sie ernsthaft glauben, dass er eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt, dann tun Sie doch was". Und selbstironisch setzte er hinzu: "Trump wird sich nicht ändern, nur weil Sie ihn beleidigen – glauben Sie mir, ich hab's versucht."

Selbst wenn Trump einmal nicht mehr im Amt ist, wegen einer verlorenen Wahl, wegen Russland, oder weil es ihm zu langweilig wird: Roy Moore wird dann immer noch Senator von Alabama sein, ein Mann, der meint, die Zehn Gebote sollten die Staatsverfassung ersetzen und Schwule gehörten ins Gefängnis. Jeff Sessions wird weiterhin Justizminister bleiben, der schon mal aus Versehen von den ehemals sklavenhaltenden Confederate States als "unserer Nation" spricht. Diese Männer werden weiterhin Abermillionen Weißen aus dem Herzen sprechen, die meinen, sie würden diskriminiert, weil die Gesellschaft es wagt, auch mal anderen zuzuhören oder zumindest aufhört, auf sie zu schießen.

Als Trottel verharmlost

Man muss also etwas tun gegen Trump, gegen ihn anschreiben, gegen ihn auf die Straße gehen. Das Volk tut's. Aber haben die amerikanischen Medien die Lektionen von 2016 gelernt? Dieselbe New York Times, die sich jetzt als große Verteidigerin der Demokratie inszeniert, hat diese mit ihrer Berichterstattung überhaupt erst in Gefahr gebracht, weil sie Trump wie einen stinknormalen Kandidaten behandelte, als schon lange klar war, wer mit ihm an die Macht strebte. Mit sich ins Gericht geht die New York Times, wie schon damals, als sie sich von der Bush-Regierung zur Kriegstreiberei gegen Saddam Hussein instrumentalisieren ließ, tendenziell nicht.

Und auch Saturday Night Live mit seinem mittlerweile vollzeitarbeitenden Trump-Imitator Alec Baldwin macht eher vor, wie man's nicht machen sollte. Jede Woche wird, wie schon bei George W. Bush, einem lachenden Publikum vermittelt, welch ein Trottel der Präsident sei. Dass er eben auch ein Ethno-Nationalist und Antidemokrat ist, geht bei all dem Gejohle unter. Saturday Night Live hat Trump auch nach allen möglichen rassistischen Ausfällen 2016 noch eingeladen, wie fast alle anderen Comedy-Talker auch. Entschuldigt hat sich dafür niemand.  

Ein großes Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Problem

Der Hauptfehler der US-amerikanischen Medien aber hat wohl mit zu viel Interesse an Trump und zu wenig Interesse am Trumpismus zu tun. Ein Jahr Trump ist eine Sache: ein eitler alter Mann, der verzweifelt versucht, die eigene Kleinheit und Dürftigkeit vor der Welt und vor sich selbst zu kaschieren. Das ist nicht gerade Shakespeare. Aber es ist ein großes Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Frage: Wie gehen wir damit um, dass wir seit einem Jahr wissen, dass sich 62 Millionen Amerikaner einen antidemokratischen, kryptofaschistischen Hansdampf im Weißen Haus wünschen? Dass diese Millionen Amerikaner bereit sind, ihre ethnischen Privilegien auch um den Preis des Staatswohls zu verteidigen? Trump mag versagen, aber die Trumpismus-Welle schaukelt sich immer weiter hoch. Um eine steile These zu wagen: Könnte hinter dem Rassismus und Hass einfach Rassismus und Hass stecken?

Der Nihilismus, der weiterhin fassungslos machende Unernst Trumps entspricht auch dem seiner Anhänger. Mit jedem Versprechen, das Trump bricht, wird klar, dass viele ihm gar nicht wegen dieser Versprechen folgten, dass sie an Millionen neue Jobs und einen Hadrianswall gen Süden sowieso nie geglaubt haben. Dass es ihnen um etwas ganz anderes geht, nämlich ihre Vormachtstellung zu behaupten und Menschen, die ihnen nicht gleichen, leiden zu sehen.

Bürgerrechte sind nur geborgt

Und diesen Wunsch bedient Trump vortrefflich: Muslimische Kinder haben inzwischen Angst, das Haus zu verlassen; schwarze Amerikaner wissen, dass die Regierung die Verletzung ihrer Rechte nicht ahnden wird, sondern jene, von denen sie ermordet werden, als "gute Menschen" bezeichnen wird; mexikostämmige Amerikaner blieben in Katastrophengebieten aus reiner Angst vor Deportation; Transgender, Schwule und Lesben wissen, dass ihre Bürgerrechte nur geborgt sind.

Diesen Menschen Mut zu machen, könnte eine Aufgabe der Medien sein. Stattdessen übt man sich in falsch verstandener Objektivität: Menschen, die sich selbst als white supremacists, als Weiße Übermacht, bezeichnen, werden  nun als Menschen beschrieben, von denen Kritiker behaupten, sie seien white supremacists. Und sogar in der New York Times erscheinen Texte, die suggerieren, dass man Schwarzen und Minderheiten jetzt mal genug zugehört habe, dass überhaupt erst die Identitätspolitik an Trumps Sieg schuld sei. Und in den unzähligen "Trump-Wähler bleiben Trump treu"-Texten wird behauptet, seinen Anhängern sei es ja nur um Steuerrecht und Gesundheitspolitik gegangen, nie um Rassismus und Hass.

Donald Trump und seiner Mannschaft genau hinterher zu schnüffeln ist, bei aller Notwendigkeit, auch eine Vermeidungsstrategie. Den Präsidenten als Person immer und immer wieder anzugreifen, kann kein gesellschaftliches Umdenken bewirken. Was sich weder Colbert noch Kimmel, weder Saturday Night Live noch Rachel Maddow, weder die Washington Post noch die New York Times trauen, ist, ihren Mitbürgern ins Gesicht zu sehen und zu fragen "Du hast das gewollt. Wie kannst du das vertreten?".