Ich überlege also, meinen Sohn lieber in einer Privatschule anzumelden, die nur wenige Meter von unserer Wohnung entfernt liegt. Dort werde ich als Mutter genötigt, mein katholisches Kind in den evangelischen Religionsunterricht zu stecken. Der Unterschied sei gar nicht so groß, behauptet ein Lehrer. "Also, doch, schon irgendwie", stammele ich fassungslos zurück.

Bringe ich mein Kind wiederum in einer alternativpädagogischen Naturschule unter, darf es laut Schulordnung keine Leberwurst und kein Nutella auf seinem Pausenbrot haben – und falls ich mich nicht sowieso bereits vegan und zuckerfrei ernähre, dann sollte ich besser mal schnell damit anfangen.

Rückt dagegen eine dieser internationalen Schulen in die engere Wahl, wäre es schon wünschenswert, wenn das Kind zu Hause eine weitere Sprache spräche. Eine fremdsprachige Nanny einzustellen, ist dabei eine ernst gemeinte Empfehlung, die ich am "Kennenlerntag" dort erhalte.

Dabei frage ich mich die ganze Zeit, ob ich die einzige bin, der auffällt, dass wir uns als Eltern von überteuerten Bildungsträgern manipulieren lassen. Schulen funktionieren heutzutage wie Dienstleistungsanbieter, die profitabel laufen müssen, aber ich darf aufgrund der Vielzahl an Bewerbern nicht die Rolle des Kunden einnehmen. Nein, ich muss so tun, als ginge es um ideologische Werte – ja, ganz toll alles hier – und das Schulkonzept sei die sechste Weltreligion.

Ich führe Kennenlerngespräche mit Direktoren, die sich eher wie Bewerbungsgespräche für einen Job in der freien Wirtschaft anfühlen. Ich muss mir Fragen anhören, die einen Eingriff in meine Privatsphäre darstellen, aber offenbar Teil des Auswahlverfahrens sind. Bin ich verheiratet? Lebe ich getrennt? Möchte ich meine Finanzen komplett offenlegen oder einfach gleich den Höchstsatz bezahlen?

Mir geht das alles zu weit. Ich bin in keine Richtung politisch extrem – Dogmen und Ideologien machen mir Angst. Auch bin ich nicht verführbar durch Homöopathie oder esoterische Schwingungen. Ich habe das Recht auf Neutralität und Privatsphäre – gerade als Mutter eines Schulkindes in spe, dem ich in unserer oft zu transparenten digitalen Gesellschaft ein Vorbild sein muss. "Ich kann einen Hasenkäfig bauen", höre ich mich schließlich in einem dieser Gespräche sagen und merke sofort, dass der Tiefpunkt erreicht ist.

Am folgenden Wochenende besichtige ich die staatliche Regelschule in meinem Bezirk. Das Gebäude sieht stark nach Asbest aus und die Schulsekretärin versucht nicht einmal, sich ihren Besuchern gegenüber besondere Mühe zu geben. Wir sind uns dennoch sympathisch. "Wir mussten das jahrgangsübergreifende Lernen abschaffen, weil wir zu wenig pädagogische Hilfskräfte bekommen haben", sagt sie, als ich den Anmeldebogen ausfülle. "Das hatte der Berliner Senat anders versprochen." Ich nicke. "Und das Essen in der Kantine ist eigentlich auch schwer in Ordnung", plaudert sie weiter. "Mittlerweile wird es zweimal angeliefert. Davor war es oft kalt."

Ich muss innerlich lachen. Wenigstens, denke ich, ist sie ehrlich. Wenigstens hat sie mich nicht nach meinem Beziehungsstatus gefragt oder ob ich für die Schul-AG sorbische Ostereier ausblasen könnte.
"Haben Sie noch Fragen", sagt sie ohne große Euphorie in der Stimme.
"Nein, danke", sage ich. "Ich habe ein gutes Gefühl."