Jede neue Erkenntnis, wer wann wo anwesend war, wer welchen Anruf tätigte, wer bei wem auf dem Beifahrersitz saß, wer in wen verliebt war, wurde medial riesig aufbereitet, und trotzdem fand keine Aufarbeitung statt. Die Täter sind bekannt, es handelt sich um die RAF, wer aber sind die Mörder? Wenn die Söhne nicht wissen, durch wessen Hand der Vater starb, weil keine Namen genannt werden, ist die Frage, ob die Bitte einer Einzelperson um Vergebung echt ist oder nicht, ziemlich zweitrangig. Auf jeden Fall ist sie sehr intim und betrifft einzig die Opfer und nicht die Öffentlichkeit. Wie stark hingegen wirkt das Bedürfnis der Opfer nach Nennung der Täter? Immer wieder formulierten sie ihren dringenden Wunsch, zu erfahren, wer die Schüsse abfeuerte. Schleyer fragte wohl Maier-Witt. Ihre Antwort: "Hm". 

Was in dem medial ausgeschmückten Bühnenstück um Vergebung völlig untergeht, ist der Umstand, dass, wenn schon die Täter schweigen, der Staat den Opferangehörigen Einsicht in die Akten der Sicherheitsbehörden bezüglich der Morde verwehrt. Schleyer wie auch Buback baten immer wieder darum. Wie seltsam wirken da die Worte des Bundespräsidenten Steinmeier, der an die Täter appellierte: "Legen Sie endlich alles offen", derweil er die Akten wie alle Bundespräsidenten zuvor unter Verschluss hält.

Wer erschoss die NSU-Opfer?

Der nächste große deutsche Terrorismusfall nach der RAF wird aktuell in München verhandelt. Man hat das dutzendfache Flehen der NSU-Opferangehörigen im Ohr, die Beate Zschäpe und andere immer wieder geradezu anbetteln, endlich Namen zu nennen. Auch sie wollen wissen, wer ihre Väter und Ehemänner erschoss. Wie bei der RAF sind die wichtigen Passagen in den Akten des Verfassungsschutzes, des BND und anderer Behörden geheim oder gleich gar nicht mehr existent, weil geschreddert.

Diese Woche hat die Tochter des Nürnberger NSU-Opfers Ismail Yasar dem Beschuldigten Carsten S., der im Gegensatz zu den anderen Angeklagten umfassend aussagte, folgende Botschaft ausrichten lassen: "Ich vergebe Ihnen. Ich will nicht mehr mit Wut zu Bett gehen und mit Wut aufwachen." Und an Beate Zschäpe gerichtet: "Wir verzeihen Ihnen nicht." 

Kann sein, dass Beate Zschäpe in 40 Jahren der Bild oder dem Spiegel ein großes Interview geben wird, in dem sie viel sprechen, aber keine Namen nennen wird. Irgendjemand wird dann Expertisen einholen, von denen, die damals als politische Entscheidungsträger involviert waren, also bei den Gerhart Baums der Zukunft. Es werden sicherlich Appelle an den NSU gerichtet werden, doch endlich auszusagen, ausgerechnet von denen, die auf den Akten sitzen.

Eines lehrt die RAF wie auch der NSU. Kein Staatsakt, keine Interviews, nichts kann das Verlangen nach Erkenntnis, Ermittlung und Aufklärung stillen. Dies ist die zweitgrößte Sehnsucht der Opfer. Die erste gilt den fehlenden Angehörigen.