Die Welt ist nicht besonders gut in Form gerade. Die Globalisierung mag in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen reicher gemacht haben, hat aber auch viel Schlechtes mit sich gebracht: Umweltzerstörung, Klimawandel, ein immer krasseres soziales und finanzielles Ungleichgewicht zwischen den Teilen der neuen Weltgemeinde. Es gibt wohl kaum jemanden, der behaupten wollte, die real existierenden globalen Organisationen – UNO, Weltbank, Welthandelsorganisation, Weltklimakonferenz, vielleicht auch Google, Facebook, Amazon –, hätten einen Plan oder auch nur eine Idee, wie man all diese Dinge zum Besseren wenden könnte. Wie schaffen wir es, dass die Welt nicht immer ungerechter, heißer und letztlich unbewohnbar wird?

Wenn der Politik nichts mehr einfällt, hilft möglicherweise die Kunst. Milo Rau, ein 40-jähriger Regisseur aus der Schweiz, der sich auf dokumentarisches Theater spezialisiert hat, nimmt sich ganz großen politischen Fragen an. 2015 inszenierte er im Ostkongo und in Berlin das Kongo-Tribunal mit verfeindeten Parteien aus dem kongolesischen Bürgerkrieg. Jetzt stellt er die vielleicht allergrößte Frage: Wie organisiert man eine globale Demokratie? 

Um das herauszufinden, veranstaltete Rau am Wochenende in der Berliner Schaubühne eine General Assembly nach dem Vorbild der Französischen Revolution. Wir leben in einem feudalen kapitalistischen System, behauptet er, und es gibt einen "globalen dritten Stand", der von keiner politischen Instanz repräsentiert wird. Eine solche Repräsentationsform will er in seinem Projekt durchspielen. 60 Aktivisten aus der ganzen Welt hat er einberufen, um über Konflikte zu beraten, die alle Menschen etwas angehen. Leute ohne Lobby; der Süden, der dem Norden unterlegen ist; die "nicht-menschlichen Akteure" von den empfindungsfähigen Tieren bis hin zu Gaia selbst, dem planetaren Ökosystem: Wie es wäre, wenn alle diese Menschen, Lebewesen und Ressourcen in einem Parlament vertreten wären? 470 Leute im Publikum dürfen zuschauen. 

Kann aus Theater Wirklichkeit werden?

Theater ist eigentlich das genaue Gegenteil eines demokratischen Ortes, denn am Ende entscheidet immer der Regisseur. Auch bei diesem Projekt kann man sich fragen, was das eigentlich für eine megalomane Haltung ist: Ein paar weiße Theatermacher nominieren eine Weltvertretung und glauben, damit irgendetwas besser oder gerechter machen zu können als all die vielen Politiker, die das den lieben langen Tag versuchen? Der gewöhnliche Theaterprozess wird hier auf den Kopf gestellt: Rau und sein Team legen die Ausgangsbedingungen fest, alles andere entscheidet sich unterwegs. Der Anspruch dabei ist keineswegs, nur eine Fiktion aufzuführen: Wenn 60 politische Aktivisten drei Tage lang auf einer Theaterbühne so tun, als seien sie das Weltparlament, dann wird das auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit haben – so ist das Kalkül.

Vorgabe der Regie war, dass am Ende der Veranstaltung eine "Charta für das 21. Jahrhundert" verabschiedet werden sollte. Die besteht aus fünf Teilen, und zu jedem gab es eine dreistündige Plenarsitzung: "Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege", "Regulierung der globalen Wirtschaft", "Migration und Grenzregime", "Kulturelle" und schließlich auch "natürliche globale Gemeingüter".

Eine erste große Frage, die im Verlauf der Veranstaltung immer dringender wurde, war die nach Legitimation: Wenn dies hier ein echtes Parlament wäre, wie würden sich die Teilnehmer denn selbst als Vertreter legitimieren? Milo Rau gab darauf eine dialektische Antwort: Die Auswahl von Aktivisten und politischen Akteuren sei schon deshalb legitim, weil die Institutionen, die auf globaler Ebene Entscheidungen träfen, ohnehin keine Legitimität besäßen. Die als "politische Beobachterin" nominierte Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot pflichtete ihm bei: Die Vorstellung, "das Volk" sei der legitime Souverän, sei schon immer eine Fiktion gewesen. Wenn es im globalen Zeitalter noch eine legitimierende Instanz geben sollte, dann wäre es die Menschlichkeit an sich als regulative Idee.