Wie passten diese Erfahrungen zu dem, was mir aus dem Radio allmorgendlich entgegenschallte? War das, was die Leute da beschrieben, der Preis für den "guten" Zustand der deutschen Wirtschaft? Und was hieß "gut"? Wenn Berufsprofile sich in einer Weise verändern, dass Leute ihre Kompetenzen verschleudern oder aber sich in einer absurden Weise überanstrengen müssen, mit der logischen Folge von Frustration und Qualitätsverlusten – für wen ist das dann gut?

Ich begann, gezielt herumzufragen. Eine Frau, seit vielen Jahren bei einem großen Unternehmen angestellt, erzählte mir, dass sie und kürzlich das Angebot erhalten habe, via App Feedback von Kollegen einzuholen. Ein Rating, auf gut Amerikanisch. Noch sei das Ganze freiwillig, erzählte sie. Aber vermutlich doch der Einstieg zu mehr? Während sie erzählte, stiegen in mir Assoziationen auf zu jenen Zukunftsszenarios auf dem Arbeitsmarkt, wie man sie gerade in Dave Eggers' The Circle oder der Serie Black Mirror sehen kann: Von morgens bis abends geratet, also via Gesichtserkennung bewertet, werden die Arbeitenden dort auf das reduziert, was sie im Spiegel ihrer Umgebung sind. Wie viel Neid und Eifersucht, Intrige und Bösartigkeit in solche Ratings eingehen, kann man sich leicht vorstellen – kurze, bewertende Statements mit teils schwindelerregenden Konsequenzen.    

In Süddeutschland erzählte mir eine ebenfalls langjährig tätige Psychiatrieschwester von den Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz. Der Zwang zur Selbstfinanzierung der Kliniken übersetzt sich für die Mitarbeiter in einen Zwang zu hohem Dokumentierungsaufwand, alles unter Zeithochdruck, alles "auf Kosten der Arbeit am Menschen", beschrieb sie. "Das klappt eigentlich nur mit Robotern als Personal: effizient, wenig anfällig, austauschbar." Und dass ihren ärztlichen Kollegen immer weniger Zeit zugestanden würde für das Patientengespräch. 

Zerreißprobe für die Liebe zum Job

Da würden aus vorher 25 Minuten dann schnell mal 15. Über den Druck auf Ärzte angesichts zunehmender Ökonomisierung ihrer Arbeit hatte ich von einem Freund gehört, der als leitender Kardiologe in einer kleinen Klinik seine Arbeit geliebt hatte. Inzwischen war die ganze Abteilung umstrukturiert worden; stetig war die Zeit geschrumpft, die er Patienten widmen konnte. Eine Zerreißprobe für die Liebe zu Beruf. Die Psychiatrieschwester jedenfalls wollte zurück in die Tagesklinik: zurück zum Menschen. Deshalb habe sie ihre Arbeit ja schließlich mal gewählt.

Wer wählt heute? Und was bekommt man überhaupt für diese vielfältigen Zumutungen? Mehr Geld jedenfalls nicht. Besteht vielleicht die einzige Belohnung darin, weiter arbeiten zu dürfen? Mit der Angst vor Arbeitsplatzverlust kann man Menschen immer gut in Schach halten.

Eine langjährige Führungskraft in der freien Wirtschaft, die ich nach ihrer Meinung frage, antwortet nachdenklich: "Natürlich ist es immer um Optimierung gegangen, aber inzwischen hat der Zwang zur Optimierung ein Tempo erreicht, das für alle an die Grenze des Leistbaren geht. Man hat ja auch noch die komplexer werdende Welt, mit der man fertig werden muss. Manchmal kann man schon den Eindruck gewinnen, dass nur die Schnellsten und Fittesten das packen können."