Bevor Hanna antwortet, halte ich kurz die Luft an. Wird sie mit einem Wort den ganzen Abend sprengen? Ihr Gegenüber sprachlos machen und dafür sorgen, dass sich jeder diskret in ihre Nähe rücken möchte? Um ihr zuzuhören und sich dann seinen Teil zu denken.

Wir haben eine Lesung in Berlin-Mitte besucht und nun trinken wir mit den noch Anwesenden eine Weißweinschorle. Ich zünde mir eine Zigarette an, Hanna hat noch nie geraucht. Es stört sie aber auch nicht. Alle üben sich im gekonnten Smalltalk, so auch ein Bekannter von mir, der Hanna nebenbei gefragt hat, was sie so beruflich macht. "Ach, ich mache Webdesign. Nichts Spannendes", antwortet Hanna nach einer kurzen Pause. Ihre Stimme hat etwas Mädchenhaftes. Sie nippt an ihrem Weinglas und schaut einen Augenblick zur Seite. "Webdesign", denke ich und atme lange aus. Ach was, ich breche innerlich fast zusammen vor Erleichterung, während ich äußerlich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und blasiert in die Leere blicke.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der Funke-Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie das Blog "Stadtlandmama.de", das bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Aram Pirmoradi

Hanna heißt nämlich nicht immer Hanna. Oft heißt sie Salomé Balthus. Das ist ihr Name als Escortgirl, als Prostituierte. Aber Salomé Balthus heißt eigentlich Klara Johanna Lakomy. Sie ist das einzige Kind des DDR-Liedermachers, Jazzmusikers und Produzenten Reinhard Lakomy. Jenes berühmten Komponisten, der mit seiner Frau Monika Ehrhardt, einer Balletttänzerin und Autorin, das Kinderhörspielmusical Der Traumzauberbaum erschaffen hat. Bis heute findet sich in unzähligen, vor allem ostdeutschen Haushalten, eine Schallplatte oder CD mit dem runden grünen Baum von Klaus Vonderwerth auf dem Cover. Das Hörspiel hat sich bis heute über fünf Millionen Mal verkauft. Reinhard Lakomys Beerdigung nach langer Krebserkrankung im Jahr 2013 glich einem Staatsakt. Ihr Vater habe sie sehr geliebt, sagt Hanna. Alte Schwarzweißbilder bezeugen das. Vater und Tochter im Aufnahmestudio. Auf Ausflügen – wie sie zusammen auf einer Steinmauer sitzen und in die Weite schauen.  Zu ihrer Mutter hat Hanna ein enges Verhältnis. Das kreative Erbe ihres Vaters, alle Musikrechte liegen bis heute bei der Familie. 

Hanna studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Philosophie und schrieb ihre Magisterarbeit über Friedrich Nietzsche. Wir hätten uns zwischen den Vorlesungen auf den Fluren treffen können, sie und ich, aber damals kannten wir uns noch nicht.

Während ihres Studiums hat Hanna angefangen, als Escortgirl zu arbeiten. Ein paar Jahre später gründete sie ihre Escortagentur Hetaera. Auf der Website von Hetaera gibt es Hochglanzbilder von Frauen, die aussehen wie Models, aber meistens beim Film oder als Journalistinnen tätig sind. Agentur sei allerdings das falsche Wort, sagt Hanna. Sie verwalte die Website lediglich und nehme keine Provision. Einmal drückte sie es so aus: "Ich bin wie der Typ im besetzten Haus, der den Abwasch macht, obwohl ihm das Geschirr nicht gehört." Irgendjemand müsse sich ja immer um den Abwasch kümmern.

Wenn sie so spricht, dann klingt das klug, pragmatisch und sogar ein bisschen sozialistisch. Aus dem Mund einer Frau, die viel zu gescheit ist für einen Beruf, der nicht vorrangig ihren Intellekt fordert. Einmal erklärte sie mir: "Ich habe während des Studiums alle Optionen in meinem Kopf durchgespielt. Kellnern, Babysitten, Bürojobs – das wollte ich aber alles nicht."

Als Hanna anfing, für eine Begleitagentur zu arbeiten, war sie Mitte zwanzig. Ich, ihre Freundin, studierte damals noch in Hamburg, kellnerte nachts, während ich tagsüber für Zeitungen schrieb. Die Liebe zum Schreiben und zur Literatur verbindet mich mit Hanna. Sie wuchs im Nachwende-Berlin auf, ich in Bonn, im katholischen Rheinland im Reihenendhaus. Dass wir beide schreiben wollten, mehr als alles andere, das wussten wir schon immer. Dass wir bereit waren, diesem Ziel alles unterzuordnen, auch. Für Hanna ist das, was sie macht, deshalb ein Job, mit dem sie innerhalb kürzester Zeit das meiste Geld verdient. Und damit die Freiheit gewinnt, tagsüber schreiben zu können.

Die Preise von Salomé Balthus fangen bei 1.000 Euro für ein sogenanntes Dinner-Date an und enden irgendwo bei 3.000 Euro für eine ganze Nacht. Manchmal fährt Salomé Balthus auch mal übers Wochenende für ein Date nach Paris. Im September war sie mit einem Geschäftsmann aus dem Frankfurter Raum eine ganze Woche in New York. Das seien aber Ausnahmen. In der Regel hat Salomé Dates in Berlin. In Luxushotels, in den angesagten Restaurants der Stadt. Dafür zieht sie mal ein schwarzes Kleid an, mal einen Smoking mit Absatzschuhen –  je nach Anlass. Salomé mag es mondän und klassisch.