Und dann folgen viele Sätze, an denen man sie erkennt. Dann relativieren sie das Wort "Sicherheit", das Wort "Staatsräson" und das Wort "gehört". Sie relativieren vorsichtig in der Variante Gauck (Israels Sicherheit, so sagte er als Bundespräsident, sei höchstens "bestimmend" für die deutsche Politik) oder weniger vorsichtig in der Variante Gauland, er negierte bereits einen Tag nach der Bundestagswahl die deutsche Verantwortung im Ernstfall. 

Dann hinterfragen sie plötzlich den Begriff des Terroristen, wenn es um junge Palästinenser geht, die israelische Polizisten abstechen oder einen Mann im Supermarkt, der Regale einräumt. Fragen kritisch, nur eine Frage, nicht falsch verstehen, ob es nicht so etwas wie das Recht auf Widerstand gibt? Relativieren den Begriff des Terroristen, wenn jüdische Siedlerfamilien abgemetzelt werden, weil die ja dort... eigentlich... halt... irgendwie... nicht leben dürfen. Ein "selbst Schuld" in vielen Worten. Da lohnt eine Gegenfrage: Warum ist etwas, das auf der ganzen Welt als Terror bezeichnet würde, in Israel plötzlich Widerstand? 

Dann relativieren sie auch den Begriff der Gewalt, sobald sie ausgeübt wird von Palästinensern: Die Gewalt wird semantisch zu "Unruhen" umlackiert, zu "Aufständen". Schließlich heißt das Wort Intifada, so erklärt es auch die Tagesschau, "den Staub abschütteln". Was natürlich gleich viel netter klingt: Er ist nicht mit einem LKW in flanierende Passanten gerast. Er hat nur Staub abgeschüttelt.

Dagegen hilft nur kaltes Wasser, hilft nur die Realität. Man muss solchen Leuten verwehren, dass sie einen LKW-Anschlag in Israel romantisch zu einer Heldengeschichte verklären. Denn es ist – hier kommt der kalte Eimer – immer exakt gleich widerlich, wenn ein Mensch im Namen Allahs und der Unterdrückten in eine Menschenmenge fährt, egal ob er das in Barcelona tut, in Nizza, in Berlin oder in Jerusalem. Das muss der Wellness-Israelkritiker begreifen: Das sind nicht Taten von Unterlegenen mit Gerechtigkeitshunger, keine Spur Robin Hood. Sie nehmen nicht Leben und geben es den Anderen, den Armen, den Geschundenen.     

Terror ist erfinderisch

Man kann das Leben nicht aus den Rillen der LKW-Reifen kratzen und es weitergeben wie ein Licht an jene, die es angeblich mehr verdient haben: In die Dunkelheit, hinter die Mauer im Westjordanland, auf die der Pinsel-Künstler Banksy so gerne seine Israelkritik schmiert. Die Mauer, das schreibt Banksy nicht dazu, die dafür sorgt, dass Terroristen nicht ungehindert rüberkommen, Gott spielen und sich in völliger Verblendung und im Gefühl moralischer Überlegenheit Leben nehmen. Das Leben der anderen und das eigene. Doch ihr Terror ist erfinderisch. Er proletarisiert sich, die Mordwaffen werden simpler: Von der gebastelten Bombe zum stumpfen Gegenstand. Messer. Autos. Lastwagen.

Wo ist das Mitgefühl für ein Land, dass diesem Wahnsinn ausgesetzt ist? Israel. Wenn man in Deutschland über palästinensischen Terror redet, dann klingt es in neun von zehn Fällen noch immer nach menschenverachtender Verharmlosung. Nach dem, was der Moraltheologe Eugen Drewermann kurz nach dem 11. September sagte. Dass der Terror nämlich eine "Ersatzsprache" sei, "weil berechtigte Anliegen nicht gehört wurden". Was wahrscheinlich das Unmoralischste ist, was ein Moraltheologe sagen kann. Also: Mohammed Atta hat nicht getötet. Nein. Er hat in einer Ersatzsprache kommuniziert. Klingt fast noch netter als "den Staub abschütteln". Weil noch weniger nach Wüste, noch demokratischer, noch ziviler.

Okay, ja ja, schon klar, die Stimmung ist am Boden, der Nachtisch kommt. Der Freund, der vor Minuten noch so engagiert redete, hängt im Stuhl. Ein letztes.

Erinnerst du dich daran, als die Regierung von Bonn nach Berlin umgezogen ist? Haben wir damals nicht darüber gesprochen? Du hast dich gefreut, war das nicht so? Weil, so hast du es gesagt, die Wunden der Teilung etwas geheilt würden. Und weil Berlin eben die Hauptstadt sei! Und nicht dieses graue Nest im Rheinland. Es sei das Recht eines souveränen Staats, seine Hauptstadt zu bestimmen. Beim Wort "Recht" hast du mit der Faust auf den Tisch gehauen.

Irgendwie ging es auch um Thatcher, dieses eindrückliche Zitat: "Wir haben Deutschland zweimal geschlagen, nun sind sie wieder da." Es ging darum, dass Bonn auch eine Harmlosigkeit ausstrahlte, die uns ganz gut gestanden hat. Hast du selbst gesagt, in Abwägung aller Argumente. Dann aber hast du angefügt, als sei es ein Gesetz auf den Tafeln Mose: Hauptstadt ist Berlin. Jene Stadt also, in der unsere Vorfahren den Judenmord planten. Jene Stadt, in der sich in diesen Tagen Leute aus Neukölln oder von sonst wo aufmachen, um vor dem Brandenburger Tor einen Davidstern zu verbrennen. Hauptstadt ist Berlin.     

Das nächste Mal trinken wir ein bisschen weniger und diskutieren, warum das Gespräch immer wieder bei Israel landet. Warum nicht bei Ländern wie Hessen. Ist ungefähr gleich groß und auch ziemlich interessant.